PRO - von Jörg Burger

MTV, das ist die Bilderhölle, die Welt von Glanz und Oberfläche. Was tut ein falscher Heiliger da, in Sandalen und Priestertoga? Was will er dort mit all den Armen und Kranken, die ihm folgen? Glauben sie ernsthaft, sie fänden Erlösung im medialen Fegefeuer?

Der Mann hat seine Anhänger in die Irre geführt: den Behinderten, der ein bisschen den Moderator spielen darf; die Schlagersängerinnen, die lächeln und jodeln, als wäre dies nicht der völlig falsche Ort; die "Kandidatin" eines Ratespiels, die der Meister mit sinnlosen Fragen malträtiert, bis sie in Tränen ausbricht. Christoph Schlingensief hat Menschen ins Fernsehen geholt, um sie und die Zuschauer zu quälen. Seine neue Talkshow heißt U 3000 und wird in einer fahrenden U-Bahn aufgezeichnet, auf dass der rasende Medienirrsinn sich beschleunige, bis es ihn zerreißt.

Dass es diesmal nicht ganz klappt, liegt nicht daran, dass Schlingensief niemanden gegen sich aufzubringen vermag - darauf kommt es ihm bei seinen Aktionen nur am Rande an, um der eigenen Wirkung willen. Der TV-Terrorist scheitert vor allem als Bilder- und Ideenlieferant, der dem allgegenwärtigen Wahnsinn nicht viel mehr entgegenzusetzen hat als den eigenen Wahn.

In den meisten anderen Fällen erweist sich dies als geniales Konzept. Schlingensief nutzt die Denkweisen von Werbung und Marketing, und er kehrt ihre Kraft um, denn er will Wahrheiten nicht verschleiern im Interesse eines Auftraggebers, sondern sie gnadenlos offenlegen. Seine Aktionen zeigen die Welt an ihren Bruchstellen, dort, wo sie gerade aus den Fugen kippt. Ein gelungenes Werk von Schlingensief ist ein Fanal, die Medien liefern ihm die Vorlagen.

Wenn Schlingensief gut ist, zeigt er uns Dinge, die wir noch nicht zu denken oder zu sehen wagen. Vor drei Jahren führte er mit Talk 2000 die Idee der Talkshow auf das Terrain des völlig Absurden. Ein großer Spaß; der Gegner hat sich das Konzept längst abgeguckt. Vor ein paar Monaten setzte Schlingensief in Wien angebliche Asylbewerber in einen Container, überwacht von Kameras. Zuschauer sollten entscheiden, wer abgeschoben wird. Was aus dieser teuflischen Idee wird, werden wir bestimmt bald erfahren.

CONTRA - von Nils Minkmar