Aber vielleicht hat die Bevölkerung ja nur noch nicht mitbekommen, dass ein "ökonomischer Umgang mit der Wahrheit" (Jeannette Schmid) ab einem gewissen Umsatz zum anerkannten Geschäftsgebaren unter Profis gehört? Dass Schrempp seine "Fusion unter Gleichen"-Lüge so unbefangen herausplauderte, legt diesen Verdacht nahe.

Für solche Fragen ist die kleine Zunft der Wirtschaftsethiker zuständig. Der Philosoph und Ökonom Josef Wieland von der Fachhochschule Konstanz beispielsweise unterhält das Konstanz-Institut für Werte-Management. Rücksichtsvolle kleine Beschönigungen der Wahrheit hält er schon mal für zulässig: "Wenn ich jemanden entlasse, sage ich nicht: Du bist die größte Flasche." Es muss also nicht immer alles auf den Tisch. Aber ansonsten bleibt Wieland hart: "Ich finde, dass Manager nicht direkt lügen dürfen."

Gleiche Frage an Alexander Brink von der Privatuniversität Witten/Herdecke. Er hat gerade eine Dissertation veröffentlicht, deren Titel nach Pflichtlektüre für Schrempp klingt. Es geht um ganzheitliches Shareholder-Value-Management, um "eine regulative Idee für globales Management in ethischer Verantwortung". Auch Philosoph Brink plädiert für die gute, altmodische Moral und die reine Wahrheit. Er fände es "fatal, wenn man sich auf die Aussagen der obersten Leute nicht mehr verlassen könnte".

Alles Leute aus dem Elfenbeinturm der weltfremden Wissenschaft, die zu viel Kant gelesen haben? Jedenfalls nicht nur. Ganz wie ihre Klientel haben die Wirtschaftsethiker immer die Globalisierung im Blick. Was Schrempp sich geleistet hat, war ein "richtig satter Managementfehler", diagnostiziert Wieland. In den USA ist es nämlich nicht nur verboten, Aktionäre mit falschen Informationen zu manipulieren. Der Firmenchef habe zudem nicht gesehen, dass feierlich verkündete Ethikgrundsätze dort "nicht wie in Deutschland Wischiwaschi" sind. Die Amerikaner nehmen solche Verlautbarungen wahrhaftig ernst - sogar vor Gericht. Wenn eine Firma bei einem Schadensersatzprozess ihre schriftlich niedergelegte Moral samt glaubhafter Umsetzungsversuche vorweist, kann sie auf mildernde Umstände hoffen.

Der gute Ruf einer Firma ist auch eine Art Kapital, argumentieren die Wirtschaftsethiker. Und durch Lügen werde "moralisches Kapital verbraucht", so Brink. Dann wird womöglich auch bald echtes Kapital abgezogen, weil die Kreditwürdigkeit der Firma sinkt. Selbst das human capital, wie qualifizierte Mitarbeiter heute heißen, ergreift die Flucht. Wieland, der auch als Firmenberater tätig ist, kennt Unternehmen, die wegen ihrer Skandale nicht den Spitzennachwuchs einstellen können, den sie gerne hätten. Die begehrten "High Potentials" legen nämlich Wert auf Ethik - sofern das Gehalt dasselbe ist.

Großzügiger Umgang mit der Wahrheit zahle sich auch in heiklen Fragen aus, versichert Annette Kleinfeld von der Hamburger Unternehmensberatung Bickmann & Collegen. In die Zuständigkeit der promovierten Philosophin fallen beispielsweise "Dilemma-Trainings für ethische Fragen". Sie verweist auf eine noch unveröffentlichte Studie, die sie mit Kollegen für die EU gemacht hat: Bio-Tech-Firmen, die sich offen zum Einsatz von Gentechnik bekannten, kassierten weniger Negativschlagzeilen als solche, die einfach abwarteten, was die Öffentlichkeit herausfinden würde.

Fragt sich nur, wie viele Manager sich an diese Ratschläge halten. Wer kauft eigentlich die ganzen Bluff-Ratgeber im Buchhandel? Und wer holt die Propagandisten der in der Beratungsbranche kurz TTV ("Täuschen, Tarnen, Verpissen") genannten Strategie ins Haus? Bei der Beschäftigung mit moralischem Management liege Deutschland gegenüber den USA "noch ganz weit hinten", konstatiert Annette Kleinfeld.