Es geht - und dafür soll auf dem Gipfel die Plattform geschaffen werden - um das geeinte Europa. Um Ost- und West-Europa. Um die Grenzen Europas. Um die innere Demokratie, die politische Organisation, den inneren Zusammenhalt. Der Kniefall Brandts wenige Stunden, bevor Deutschland vertraglich garantierte, die Verantwortung für Krieg und Verbrechen zu übernehmen und auf einen Teil seines früheren Territoriums definitiv zu verzichten: Das war, wie man heute besser erkennt, nicht nur ein reales, stummes Schuldeingeständnis. Es fiel einer auf die Knie, der nicht schuldig geworden war, für diejenigen, die sich schuldig gemacht hatten, aber zugleich auch für alle. Brandt klagte die Mehrheitsdeutschen nicht an, er schloß sich in dem Moment als Deutscher mit ein.

Zugleich aber erweist sich der Kniefall als Chiffre für viel mehr, nämlich für ein bestimmtes Europa, das vereinigt, wenn nicht grenzenlos ist. Damals, am 7. Dezember 1970, und noch lange danach, empörte sich die Mehrheit der Deutschen, zumal in der älteren Generation, die nur "Verzicht" herauslas und ein Schuldeingeständnis, mit dem der Emigrant Brandt sie anklage. Und auch viele Polen kamen damit schwer zurecht, ein knieender Deutscher, das entsprach nicht dem volkspolnischen Bild von den revanchistischen Nachbarn, und auch nicht dem ambivalenten Selbstverständnis des "Opfers".

Und dennoch: Nur auf dieser Basis der Anerkennung der neuen europäischen Realitäten, auch der neugeschaffenen Grenzen, war es möglich, das vereinte Europa zu denken, das nicht nur Westeuropa ist. Gerhard Schröder war gut beraten, auf dem Weg über Warschau nach Nizza zu reisen. Und - es war ernst gemeint, als er den Beitritt Polens "ein Gebot historischer Gerechtigkeit" nannte. Aber das ist nur ein Aspekt dieser Chiffre Kniefall: die besondere historisch-moralische Verpflichtung der Deutschen für Polen.

Anwalt der Beitrittskandidaten, zumal des Kandidaten Polen, ist die Generation von Gerhard Schröder und Joschka Fischer auch aus einem ganz politischen Grund. Mit der deutschen Wiedervereinigung haben sie so wenig gerechnet wie andere, aber sie haben sich vielleicht schwerer getan als andere mit diesem "Wunder der neueren Geschichte" (Schröder), weil sie Kinder der Bundesrepublik (West) waren und überzeugt, sich mit diesem Definitivum arrangieren zu müssen. Hätte man nicht andernfalls Frieden und Stabilität Europas gefährdet? Diese Kinder der Bundesrepublik, die rot/grüne Regierung von heute, erschien im Augenblick der Vereinigung vor zehn Jahren perplex, ungläubig, zögerlich. Konnte das wahr sein ohne dramatische Rückwirkungen?

Die Generation, die jetzt amtiert, scheint aber - wenn der Eindruck nicht trügt - allmählich, endlich, zu entdecken, dass die europäische Einheit ihre Sache ist. Die Emphase, mit welcher der Kanzler jetzt, in Warschau gut zu besichtigen, sich selber Mut macht und den Rückweg verbaut: Sie kommt doch offenkundig aus der Entdeckung, dass sie nach dreißig Jahren wahrmachen können, was der Kniefall wort- und begriffslos andeutete. Es geht um die europäische Anerkennung Polens.

Ministerpräsident Buzek und Staatspräsident Kwasniewski auf polnischer Seite, Gerhard Schröder und Joschka Fischer auf deutscher - zwischen ihnen könnte es so etwas wie einen Generationen-Grundkonsens geben. Sie können entspannt auch über Differenzen, über historische und kulturelle Unterschiede, und über "handfeste Vorteile" ökonomischer Art sprechen, die sie wechselseitig erwarten. Hinzu kommt: Die Ära ist vorbei, in der Helmut Kohl der einzig anerkannte Kronzeuge für Polen in der Bundesrepublik war. Über die komplizierte Beziehung zwischen der polnischen Freiheitsbewegung und der SPD, die zu Moskau-nah und zu Oppositions-fern zu sein schien, kann man offen sprechen. Schröder spürt das.

Vielleicht geht das in den Aufregungen von Nizza ja unter - aber zum ersten Mal scheinen die Voraussetzungen geschaffen für eine Art vierter Ostpolitik. Sie ist, da hat Schröder recht, "politischer Auftrag" für seine Generation, aber sie ist nur von Europa zu bewerkstelligen. Das war anders, als der Deutsche Brandt vor dem Mahnmal für die ermordeten Helden des Ghettos auf die Knie fiel. Es war die unentschlüsselte Chiffre für eine europäische Möglichkeit. Günter Grass, am 7. Dezember 1970 und jetzt wieder dabei, war am Rückflug Warschau - Nizza via Berlin ausgesprochen heiter, der Entschlüsselung wegen.