Die "verrückten Kühe" nämlich treten Löcher in den EU-Haushalt. Erst diese Woche waren die 15 Agrarminister überein gekommen, jene zwei Millionen Rinder "aus der Nahrungskette zu nehmen", die älter als 30 Monate und nicht auf BSE getestet worden sind. Diese politische Notschlachtung, im EU-Jargon "Kauf für Vernichtung" tituliert, kostet Geld. Viel Geld: circa 1,2 Milliarden Euro. Die EU-Kommission will nun 70 Prozent dieses paneuropäischen Feldzuges aus dem Brüsseler Haushalt bezahlen, was umgerechnet 1,7 Milliarden Mark entspricht. Darüber empört sich nun allen voran Gerhard Schröder, der Kanzler aller deutschen Steuer- und europäischen Nettozahler. Denn, ganz grob gerechnet, jeder zusätzliche Euro im EU-Budget kostet Hans Eichel (über zusätzliche deutsche EU-Beiträge) netto eine Mark mehr im Bundeshaushalt. Und weil den Deutschen schwant, daß die BSE-Krise in den nächsten Monaten für Europa noch weit teurer kommen wird, schlagen sie jetzt in Nizza laut Alarm: Der Wahnsinn immer weiterer Milliarden für bovine Notaufkäufe und Kadavermehlverbrennung darf nicht jene Finanzplanung namens "Agenda 2000" zerstören, auf die sich die EU vor eineinhalb Jahren in einer langen Berliner Gipfelnacht geeinigt hatte. Denn dann würden überall neue Begehrlichkeiten wachsen - und auch die Kosten der anstehenden EU-Erweiterung wären nicht mehr zu deckeln.

Die Angst freilich, der stets agrophile Jacques Chirac könne in Nizza erneut mehr Geld für die Bauern fordern, wird den Deutschen erst vergehen, wenn der Gipfel (am Samstag oder vielleicht auch erst am Sonntag) endet. Wann das sein wird, weiß in Nizza niemand, nicht einmal die 15 Staats- und Regierungschefs selbst. Bei den Verhandlungen um das künftige, innere Gleichgewicht der EU steht für schnelle, einfache Kompromisse zu viel auf dem Spiel: Die Machtbalance zwischen kleinen und großen Staaten, die künftige Rolle und Zahl der EU-Kommissare und vor allem die Frage, ob die Regierungen so viel Vertrauen in Brüssel und ihre jeweiligen EU-Partner haben, dass sie künftig häufiger auf ihr nationales Vetorecht verzichten wollen. All das entscheidet letztlich darüber, ob das organisierte Westeuropa fähig ist, in zwei oder vier Jahren seine Erweiterung nach Osten und Süden zu verkraften.

Und just da ist das BSE-Exempel, das Gerhard Schröder in den ersten Stunden zu Nizza statuiert hat, das falsche Signal: ein Zeichen des Mißtrauens, obendrein gegenüber dem wichtigsten (und vermeintlich engsten) Partner. Beim Geld hört die Freundschaft auf - doch genau die wird gebraucht, um im Kampf um Macht und Einfluß in Brüssels Institutionen zu einem tragfähigen Kompromiss zu kommen.