Eine Frage für den Historiker (Helmut Kohl zum Beispiel), aber auch für den Juristen (Gerhard Schröder etwa). Schließlich geht es um Rechte. Eine spannende Frage (noch ohne Antwort) ist dies auch für die Journalisten beim EU-Gipfeltreffen in Nizza, wo an diesem Freitag vom Déjeuner bis zum Diner der Staats- und Regierungschefs gerade um die Stimmengewichtung heftig gestritten wird. Denn Deutschland fordert dort mehr Gewicht, mehr Stimmen für ein Land, das nach der Wiedervereinigung mit rund 80 Millionen Einwohnern mehr "wiege" als Frankreich mit seinen 58 Millionen Menschen. Zugegeben, ein Stück Gerechtigkeit in einer Gemeinschaft der Demokraten. Aber eben auch ein Bruch mit einer Tradition, die seit den Gründungstagen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zum ehernen Bestand zählt, ein Schlussstrich unter die Gleichheitsregel "Deutschland zehn Stimmen, Frankreich zehn Stimmen". Aber war das nur eine liebgewordene Gewohnheit - oder eine Art verbrieftes, zumindest verabredetes Recht?

Kanzler Gerhard Schröder und Präsident Jacques Chirac haben sich in den vergangenen Wochen, wie in Kreisen der deutschen Delegation in Nizza berichtet wird, über die Akten ihrer Vorgänger gebeugt. Und bislang nichts gefunden. Keine Spur von Verabredung, Versprechen, Treueschwur. Nun mögen Spötter oder Zyniker an dieser Stelle bemerken, dass die Égalité halt immer nur eine wunderbare Illusion war, in der großen Revolution von 1789 wie auch danach, in unsere Gesellschaften ebenso wie zwischen europäischen Partnern. Am Ende geht es eben um die Macht, gibt es Groß und Klein, ein Oben und Unten. C’est la vie.

Gerhard Schröder, um ganz sicher zu gehen, will darüber also noch einmal mit Helmut Kohl reden. Recht hat er, denn Kohls "Tagebuch" ist auch in dieser Sache schließlich nicht sehr ergiebig. Aber vielleicht gibt es da ja noch Erinnerungen, am besten schriftlich, eine Aktennotiz wäre schön. Denn die deutsche Forderung nach größerem Stimmengewicht gegenüber Frankreich ließe sich viel leichteren Herzens vertreten, wenn sie nicht von alten Versprechen beschwert wäre.

In Nizza liegt ein Modell auf dem Tisch, dass Vergangenheit wie Zukunft, Deutschland wie Frankreich auf elegante Weise gerecht würde: die doppelte Mehrheit. Wer in der Europäischen Union etwas durchsetzen will, braucht demnach die Mehrheit der Mitgliedsstaaten und zugleich die Mehrheit der Unionsbevölkerung. Den meisten Partnern gefällt das. Den Franzosen allerdings ganz und gar nicht. Luxemburg eine Stimme, Vereinigtes Königreich eine Stimme, da stimmt doch was nicht, oder?

Vielleicht sollten sich die Streithähne wirklich noch einmal über die Geschichtsbücher beugen, Kapitel "1789". Deutschland akzeptiert die égalité. Und Frankreich beweist fraternité, Brüderlichkeit, und akzeptiert die doppelte Mehrheit. Das wäre wahre Größe. Und ein großer Schritt voran für Europa.