Wenn fünfzehn Regierungschefs eine Entscheidung treffen wollen, herrscht der Ausnahmezustand. Der "Gipfel von Nizza" tagt im Obergeschoss der "Akropolis", einem hässlichen Betonsilo aus den siebziger Jahren am Rande des Zentrums. Das Gebäude darf nur betreten, wer akkreditiert ist. Die Akkreditierten, zu erkennen an Ausweisen, die um den Hals baumeln, unterteilen sich in drei farblich voneinander abweichende Gruppen.

Einen gelben Ausweis tragen die Journalisten, die nur in Ausnahmefällen Zutritt zur Akropolis erhalten; die meisten der über 2000 Medienvertreter sitzen in einem Pressecenter, zweihundert Meter entfernt, wo sie gelegentlich von professionellen "Briefern" informiert werden. Generelles Aufenthaltsrecht im Verhandlungsgebäude genießen die Träger des blauen Ausweises. Sie gehören den Delegationen an: Beamte und Diplomaten der Mitgliedstaaten. Für Deutschland reiste fast eine halbe Hundertschaft an.

Ins Allerheiligste, dorthin wo die Staats-und Regierungschefs sowie die Außenminister tagen, dürfen nur "die Roten": Zwischen vier und sechs solcher Ausweise stehen jeder Nation zu. Deutsche Träger sind: Uwe-Karsten Heye, Regierungssprecher, Michael Steiner, Berater des Bundeskanzlers, Andreas Michaelis, Fischers Pressesprecher, Helga Schmid, stellvertretende Büroleiterin Fischers sowie ein Protokoll-Beamter.

Im Verhandlungsraum sitzen, um einen großen Tisch herum, die Staats- und Regierungschefs neben ihren Außenministern. 15 mal zwei, kein Beamter darf hier Platz nehmen. Die einzige Ausnahme: zwei Diplomaten, die der jeweiligen Präsidentschaft, also zur Zeit Frankreich, angehören - die sogenannten "Anticis".

Die Anticis, benannt nach einem italienischen Diplomaten, der diesen Job als erster übernahm, sitzen am Rande des Verhandlungsraumes und stellen auf sehr altmodische Weise den Kontakt zur Außenwelt her. Einer führt Protokoll, wobei er nur grob die Meinungsäußerung der Teilnehmer wiedergibt, wörtliche Zitate darf er nicht niederschreiben. Der zweite hört zu und bereitet sich auf die Übernahme vor. Ein dritter informiert derweil im Vorzimmer die Anticis der vierzehn anderen Länder. Etwas alle zwanzig Minuten rotieren die drei Präsidentschafts-Anticis.

Betritt ein neuer Antici den Voraum, verliest er seine Protokollnotizen, die von den vierzehn Wartenden aufgeschrieben und auf schnellstem Wege ins jeweilige Delegationsbüro, im Stock darüber, gefaxt werden. Im Delegationsbüro sitzt eine ebenfalls rotierende "Wachmannschaft" und überprüft, ob im Verhandlungsraum nichts aus dem Ruder läuft. Die Fachleute in den Delegationen erhalten also die Informationen über den aktuellen Verhandlungsstand nicht nur aus dritter Hand, sondern zudem mit einer dreißigminütigen Verspätung. Wenn sie nun Warnungen oder Anregungen an ihre Politiker herantragen wollen, müssen sie einen der "Rot-Träger" mit einem Zettel in den Verhandlungsraum schicken.

Ist unter den Staats- und Regierungschefs keine Lösung in Sicht, beginnt in der Regel das "Beichtstuhlverfahren": Die große Runde wird aufgehoben und die Präsidentschaft ruft jedes Land einzeln zu sich, um bilateral Kompromisslinien auszuloten. Am Ende der vierzehn Gespräche schreibt die Präsidentschaft einen Kompromissentwurf nieder, über den dann dann wieder in großer Runde diskutiert wird. Bahnt sich wieder keine Einigung an, kann es zu einem erneuten Beichtstuhlverfahren kommen.