Wie sieht ein gläubiger Katholik aus, wenn er aus dem Beichtstuhl kommt? Erleichtert, im besseren Fall. Und ein sozialdemokratischer Bundeskanzler? Gelassen. Ob er auch erleichtert ist, sei dahingestellt. Zwanzig Minuten hat die Sitzung mit dem Rats- und Staatspräsidenten Chirac gedauert- nicht zu lange fürs Abendessen mit der beruflichen Kleinstfamilie im plüschigen "Flo".

Freitag abend in Nizza. Für die vierzehn Staats- und Regierungschefs, die gerade nicht die Ratspräsidentschaft zu verantworten haben, ist das wohl der intimste Abend bei diesem Gipfel. Nacheinander nimmt die französische Ratspräsidentschaft in Gestalt von Staatspräsident, Premierminister, Außen- und Europaminister und einem hohen Beamten beim Rat in Brüssel die Chefs der anderen Delegationen in den "Beichtstuhl", um ihnen die Hintergedanken aus dem Mund zu locken.. Für die Franzosen und die Übersetzer geht die Arbeit hinterher weiter: Zusammenfassen, formulieren,in Papierform bringen. Die andern gehen ins Restaurant, -irgendwo, wo die Aufklärer vom Protokoll einen Tisch inspiziert und reserviert haben.

Der deutsche Außenminister ist mit einer Handvoll Journalisten im "Bocaccio", wo er mit einer anderen Handvoll Journalisten schon am Mittwoch Fisch gegessen hat. Am Nebentisch sitzt der schwedische Regierungschef mit seinem Trüppchen Vertrauter. Reden sie miteinander? Nein. Der Bundeskanzler kommt quer durch die ausgestorbenen Straßen der Stadt mit drei Mitarbeitern und vier Sicherheitsleuten in den großen Saal vom "Flo" - da sitzt schon, ein paar Tische weiter, sein irischer Kollege mit Anhang, Sicherheitsleute inbegriffen. Auch sie reden nicht miteinander.

Über dem Nachtleben von Nizza liegt der Charme eines Abends im Hochsicherheitstrakt: Straßensperren und Sondereinheiten der Polizei draußen vor der Tür, drinnen nur die Bedienung und ein paar andere Freigänger auf Abruf. Das wird bis zum Ende des Gipfels nicht besser werden.

Am Freitag abend durchschreitet der Kanzler das "Flo", als ob er einfach nur Gerhard Schröder wäre. Später sitzt er neben seinem Sicherheitsberater und unterhält sich wie ein Mann, der im Moment nichts besseres zu tun hat. Vor ihnen wird ein "Plateau Royal" aufgebaut, ein Tablett mit Meerestieren auf zerhacktem Eis. Das paßt zum Ambiente.