Wenn der rote Jeep an ihrer Weide hält, wissen Wilhelm Schäkels Kühe schon Bescheid. "Ola, Ola", ruft der Bauer, und 69 schwarz- und braun-weiße Rinder laufen ihm neugierig entgegen. "Sie denken, jetzt gibt es etwas zu fressen", erklärt er die Zutraulichkeit seiner Herde. Er hebt die Arme in Brusthöhe und streckt sie nach vorn, als wolle er ein Orchester dirigieren. Fünf Meter vor ihm stoppen die voluminösen Herefords. Aufgereiht stehen sie da, starren Schäkel an. Die Kühe strotzen vor Kraft.

Täglich schaut Schäkel nach seinen Tieren. Sind sie gesund, und finden sie in der kalten Jahreszeit noch genügend Futter auf der Weide? Sind die Zäune in Ordnung? Der Biobauer ist stolz auf seine 700 Rinder und 820 Hektar Land. Insgesamt acht Herden weiden rund um Zempow, das kleine Dorf in Brandenburg, 120 Kilometer nördlich von Berlin. Hügel und Seen prägen die Landschaft. Aber der sandige Boden ist wenig fruchtbar, und es regnet zu wenig. 1992 hat sich der gebürtige Ostwestfale hier im Brandenburgischen niedergelassen und betreibt auf den zuvor brachliegenden Flächen ökologischen Landbau. Pestizide, Kunstdünger, Antibiotika und Tierkörpermehl stehen bei dem promovierten Landwirt auf der schwarzen Liste.

Schäkel ist einer von 10 400 Ökobauern in Deutschland, rund 7000 davon sind in der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau organisiert. Noch sind es weniger als 2,5 Prozent aller Agrarbetriebe, die sich dem schonenden Umgang mit der Natur und der artgerechten Tierhaltung verschrieben haben. Die BSE-Krise könnte jedoch dem ökologischen Landbau den Stellenwert geben, den er verdient: Er vermeidet die Irrwege der industriellen Agrarwirtschaft, setzt nicht auf stetig steigende Erträge und die damit verbundene Ausbeutung von Natur und Tier.

Das ist nur in geschlossenen Kreisläufen möglich. Je kleiner und überschaubarer die Betriebe sind, desto eher sind Katastrophen wie die Ausbreitung von BSE vermeidbar. Bauer Schäkel baut das Futter für seine Rinder selbst an. Die Kühe fressen sich so lange wie möglich direkt auf der Weide satt, im Winter füttert er Grassilage und Heu zu. Auch die Bullen mästet der 38-Jährige mit Futter vom Hof. Wenn die Ernte schlecht ausfällt und das Futter knapp wird, darf er bis zu zehn Prozent zukaufen - selbstverständlich nur von Biohöfen. Das schreiben die Richtlinien des Bioland-Verbandes vor, dem sich Schäkel angeschlossen hat. Neben Demeter und GÄA gehört Bioland zu den großen Interessenvertretungen ökologischer Landwirte. Schäkel achtet auch darauf, dass seine Herde nicht zu groß für die Weiden wird. Denn der Boden muss ihre Ausscheidungen aufnehmen können. "Sonst werden die Weiden überdüngt", sagt er. In der konventionellen Landwirtschaft ist das regelmäßig der Fall; schädliche Nitrate gelangen ins Grundwasser.

Stimmen die Thesen, dass BSE durch Tiermehl übertragen und durch Umweltfaktoren wie Schwermetalle und Dioxin begünstigt wird, sieht Schäkel nur eine Alternative: "Wir brauchen die Landbauwende, damit solche Probleme gar nicht erst auftreten. Ansonsten kurieren wir weiterhin nur an den Symptomen, weil die Grundstruktur der Landwirtschaft unverändert bleibt." Die Ökobauern haben längst wissenschaftlichen Flankenschutz. "Das BSE-Risiko ist bei ihnen aufgrund der besonders qualitätsvollen Haltung um ein Vielfaches geringer", sagt Jochen Henschke, Experte am Berliner Institut für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen. Dennoch rechnen Fachleute nicht damit, dass in Zukunft die Mehrzahl der Rinder artgerecht gehalten wird. Heute stammen gerade einmal zwei Prozent der gesamten Rindfleischproduktion in Höhe von mehr als 1,5 Millionen Tonnen von Biohöfen. "Das Wachstumspotenzial für Biorindfleisch ist trotzdem hoch. Zehn Prozent Marktanteil sind durchaus realistisch", meint Andreas Striezel, Geschäftsführer der Gesellschaft für Ökologische Tierhaltung.

Massive Unterstützung erhoffen sich Ökolandwirte künftig von der neuen Bundesregierung. Denn SPD und Grüne haben sich 1998 im Koalitionsvertrag auf eine "deutliche Ausdehnung des ökologischen Landbaus" geeinigt. Doch Taten sind kaum gefolgt. Impulse kommen vor allem von der Europäischen Union (EU). Die Kommission hat im Juli 1999 in einer Verordnung Standards für die ökologische Tierhaltung festgelegt. Noch immer fordern Experten, dass die Bundesregierung den teuren Umbau der Ställe stärker fördert. Die hohen Kosten halten viele konventionelle Landwirte vom Umstieg ab.

Unter dem Eindruck der jüngsten Ereignisse wollen SPD und Grüne nun Dampf machen. Während Bundeskanzler Gerhard Schröder sich zumindest gegen "Agrarfabriken" ausspricht, will Grünen-Chef Fritz Kuhn den Anteil an Bioerzeugnissen in den kommenden fünf Jahren auf zehn Prozent der Produktion steigern. Vor allem jedoch bedarf es einer grundlegenden Umorientierung der EU-Agrarpolitik. Mit rund 50 Prozent des Haushaltes fördert Brüssel nicht die Qualität, sondern die Quantität von Agrarerzeugnissen. Die EU-Bürger können gar nicht so viel essen, wie immer weniger Bauern mit immer mehr Maschinen erzeugen.