Die Deutschen sind nicht zu faul zum Arbeiten. Aber zu reich. Die Arbeitslosenunterstützung ist so hoch, dass viele lieber zu Hause bleiben, als schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Zu dieser Erkenntnis kamen schon Alex und Zlatko im Big Brother-Haus. Ihre simple These: Weniger Arbeitslosengeld gleich weniger Arbeitslose. Stimmt das?

Ja, sagen die Ökonomen, zumindest die meisten. Denn jeder Mensch müsse sein vorhandenes Zeitbudget normalerweise zwischen Arbeit und Freizeit aufteilen. Entscheidet er sich für Freizeit und bekommt trotzdem ausreichend Geld, ist es für ihn nur rational, arbeitslos zu bleiben. Moral Hazard nennen die Wissenschaftler dieses Phänomen der falschen Anreize, die ein optimales Marktergebnis verhindern. Ähnlich hat vergangene Woche der Sachverständigenrat argumentiert und der Bundesregierung entsprechende Reformen am Arbeitsmarkt empfohlen.

Bevor Gerhard Schröder auf die Idee kommt, dem zu folgen, sollte er einen Blick werfen auf eine Forschungsarbeit der Ökonomen Daron Acemoglu vom Massachusetts Institute of Technology und Robert Shimer von der Princeton University. Auch sie sagen: Ja, ein Einschnitt bei der Arbeitslosenunterstützung senkt die Arbeitslosigkeit. Sie schicken allerdings ein interessantes "aber" hinterher. Weniger Arbeitslosenunterstützung, so ihre These, bedeute weniger Wachstum.

Angenommen, es gäbe überhaupt kein Arbeitslosengeld oder nur sehr wenig: Jeder, der seinen Job verliert, wäre dann gezwungen, sich sofort einen neuen zu suchen. Nur findet er womöglich nicht sofort eine gleichwertige Stelle. Erst einmal abzuwarten und weiterzusuchen kommt nicht infrage, dafür reicht das Geld nicht. Es bliebe nichts übrig, als in einen weniger anspruchsvollen, schlechter bezahlten Job zu wechseln, der leichter zu bekommen ist. Ein Maurer wird dann zum Beispiel Hilfsarbeiter, ein Biologe wird Laborassistent.

Der Abstieg auf dem Arbeitsmarkt fungiert also als heimliche Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Das aber führt dazu, dass Arbeitskräfte massenweise auf Positionen landen, die sie unterfordern. Gesamtwirtschaftlich gesehen, bedeutet das eine Verschwendung von Ressourcen.

Auch Arbeitslosigkeit bedeutet eine Verschwendung von Ressourcen, sogar eine noch gröáere, weil ein Maurer, der zu Hause sitzt, überhaupt nicht mehr zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Das Argument von Acemoglu und Shimer ist nun folgendes: Ein arbeitsloser Maurer hat mehr Zeit, sich einen neuen Job als Maurer zu suchen, als einer, der jeden Tag als Hilfsarbeiter auf Baustellen verbringt. Er wird schneller wieder auf die Stelle zurückkehren, die seinen Fähigkeiten entspricht. Und Biologen oder Juristen, die wissen, dass sie im Notfall nicht ganz ohne Geld dastehen, wagen eher, sich auch auf hoch qualifizierte Stellen zu bewerben. Die Suche nach der - gesamtwirtschaftlich gesehen - optimalen Arbeitsstelle ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Eine Arbeitslosenversicherung ermöglicht den Leuten, dieses Risiko einzugehen. Wird sie zu stark gekürzt, schadet das der Volkswirtschaft.

Natürlich ist diese Forschungsarbeit kein Beweis. Sie zeigt aber, dass es sich nicht nur Alex und Zlatko, sondern auch manche Ökonomen ein wenig zu einfach machen.