Der deutschtümelnde Rest der Tageszeitungen formuliert dagegen mal wieder in der Landessprache. "Europa proklamiert Grundrechte" verkündet der Tagesspiegel auf der Eins, "Gewalt überschattet EU-Gipfel in Nizza" die SZ. Auch FAZ, Welt, FR und Handelsblatt machen mit dem Thema auf. An Top2 steht bei fast allen Blättern ein überraschendes Ermittlungsergebnis: "Anschlag auf Düsseldorfer Synagoge gestanden. Polizei nimmt zwei Männer arabischer Herkunft fest", lautet beispielsweise die Schlagzeile der FR. Richtig investigativ ist heute allerdings mal wieder nur die Bild: "Babs allein in Miami", "Boris und Sabrina in Berlin" (wo habt ihr eigentlich die Ausrufezeichen gelassen, Jungs?!) klagt der Aufmacher. Und dazu gibt's, weltexklusiv, "Das erste Foto" von Babs nach der Trennung: Eine 33-jährige in Jogginghosen. Respekt.

Der EU-Gipfel in Nizza begann gestern mit der feierlichen Proklamation der Grundrechte-Charta, die unter anderem Ex-Bundespräsident Roman Herzog ausgetüftelt hat. Parallel dazu lieferten sich etwa 4000 Globalisierungsgegner, Anarchisten und Separatisten aus dem Baskenland und Korsika Straßenschlachten mit der Polizei. EU-tragender benahmen sich die Vertreter der zehn potentiellen Beitrittsländer, obwohl ihnen die Eurokraten keinen Termin für ihren Beitritt nennen mochten. "Es ist höchste Zeit, dass die Kandidaten sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass die lange und schmerzhafte Teilung des Kontinents zwar ein Argument für seine Vereinigung ist, aber nur für eine sachlich sauber fundierte", schreibt die FR in ihrem Kommentar. Zuvor müsste die EU eben noch ihre Hausaufgaben machen, sprich: Eine Strukturreform durchführen Der SZ-Kommentar gibt dagegen zu bedenken: "Nicht nur in Frankreich mehren sich leider die Anzeichen, dass die Aufnahme neuer Mitglieder auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden soll. Die EU begibt sich damit auf einen gefährlichen Weg. Werden die großen Erwartungen in Ost- und Mitteleuropa enttäuscht, muss man sich über mögliche politische Instabilität und neue Krisenherde im europäischen Haus nicht wundern". Details zur Lage in den Beitrittsländern und zum Zustand der EU lassen sich heute auf zwei informativen Hintergrundseiten der FR nachlesen. Die SZ dokumentiert im Nachrichtenteil die neue EU-Charta.

Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, zündeten Unbekannte die jüdische Synagoge in Düsseldorf an. Die Empörung über den offenbar rechtsradikalen Anschlag war groß: Bundeskanzler Schröder rief zu einem "Aufstand der Anständigen" auf. Nun sind die Täter gefasst und haben gestanden: Kahlid Z., 20, gebürtiger Marokkaner und Belal T.,19, gebürtiger Albaner, wollten mit dem Anschlag gegen das israelische Vorgehen in den palästinensischen Autonomiegebieten protestieren. Bei einem der Täter wurde ein Hitler-Bild und rechtes Propagandamaterial gefunden. Somit stellt sich die Frage: Hat sich der Bundeskanzler und die Öffentlichkeit mal wieder, wie im Fall Sebnitz, zu voreilig empört? Ja, sagt FAZ-Kommentator Berthold Kohler. Gerade dieser Fall zeige, "wie irreführend es ist, die Neigung zum Rechtsextremismus ausschließlich in den deutschen Genen zu vermuten und diese Erbkrankheit vor allem im ‚rückständigen' Osten ausbrechen zu sehen. Ausländer sind nicht immer nur Opfer; auch Ausländer bringen unakzeptable politische Vorstellung und ein ebenso wenig hinnehmbares Verhältnis zur Gewalt nach Deutschland mit." Ganz anders der Tenor der Kommentare in der SZ und der FR. Der Kanzler habe keineswegs vorschnell gehandelt, heißt es dort. "Anständige dürfen ruhig auch gegen einen gewalttätigen Judenhass aufstehen, der sich mir israelischer Brutalität gegen die Palästinenser zu rechtfertigen versucht", führt die FR weiter aus. "Wer, wenn es ein- oder zweimal nicht ‚die Nazis' waren, solche Befürchtungen flugs zur ‚Hysterie' erklärt: wer, wie manche Unionspolitiker, die endlich gewachsene Aufmerksamkeit für die rechte Gewalt als Medieninszenierung abkanzelt, begeht einen ungleich größeren Fehler: Er vergisst Dutzende von ganz realen Todesopfern rechter und fremdenfeindlicher Gewalt".

Um reale Opfer und symbolische Akte geht es auch im Fall Putin. Der russische Präsident hat vorgeschlagen, die Hymne der alten Sowjetunion wieder einzuführen. Das wäre ein Schlag ins Gesicht der Opfer des Stalinismus, lässt sich dem SZ-Kommentar entnehmen. Andererseits passe der Vorschlag zur neuen, alten Politik Putins: "Es riecht mancherorts nach Sowjet-Nostalgie in Moskau - bis hinauf ins Arbeitszimmer des Präsidenten". Schließlich scheue Putin nicht davor zurück, die Pressefreiheit zu beschneiden, die Bürger zu bevormunden und den "Antagonismus" mit den USA wieder aufleben zu lassen. "Wer ist Putin wirklich, wohin steuert er Russland?", fragt sich deshalb auch das Handelsblatt besorgt.

Schlichterer Natur sind die "Hundert Fragen", die das SZ-Magazin der CDU-Parteivorsitzenden Angela Merkel gestellt hat. Ihre Antworten sind es teilweise auch. Frage: "Stimmt es, dass die Menschen in der DDR mehr Sex hatten, weil sonst so viel verboten war?" Merkel: "Ist mir nicht bekannt". Frage: "Manchmal Lust Helmut Kohl einfach in den Arm zu nehmen?" Merkel: "Nein." Frage: "Inwiefern verkörpern Sie deutsche Leitkultur?" Merkel: "Meine Liebe zur Kartoffelsuppe. Auch wenn die Kartoffel aus Brasilien kommt, bestehe ich darauf, dass sie in dieser Form, als Eintopf, etwas mit Deutschland zu tun hat."

P.S.: John Lennon hat auf die Vita der taz-Redakteure erheblich mehr Einfluss gehabt als auf Angela Merkel. Frage des SZ-Magazins: "Ihr Lieblingskuschelsong?" Merkel: "In jungen Jahren: Je t'aime".

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