Eine Reform, die in Deutschland wohl eher ungern gesehen wird, steht beim Index-Anbieter Morgan Stanley Capital International an. Dort stellt man die Aktien-Indizes um und berechnet deshalb die Börsenbarometer künftig auf der Basis von frei handelbaren Anteilen. Das Handelsblatt sieht darin die Anleger hier zu Lande schon mal gebeutelt und erhebt "Gefahr für deutsche Aktien" zum Aufmacher.

Allemal spannender als die Ereignisse in Nizza, ist derzeit für viele wohl die Geschichte von Boris und Babs. Und wie könnte es anders sein: "Bild" macht daraus routiniert eine Story, die einem Lehrbuch für Boulevard-Journalisten entstammen könnte: Weil ein in London lebendes Model behauptet, als Folge einer Begegnung mit Boris Becker in der Wäschekammer eines Hotels ein Mädchen namens Anna geboren zu haben, zieren den Aufmacher heute die drei Fotos der Beteiligten. "Boris uneheliches Baby?" Wetten dass, da kommt noch was?
Stimmt: Weitere Top-Themen heutiger Tageszeitungen sind der plötzliche Rücktritt Ehud Baraks und die Entscheidung des US Supreme Courts, die Handnachzählung der Stimmzettel in Florida wieder zu stoppen.

Die lange Nacht in Nizza

Der Vertrag ist nicht der große Wurf, aber eine ausreichende Grundlage für die Erweiterung. So oder so ähnlich lauteten die spontanen Kommentare der völlig übermüdeten EU-Politiker nach Verlassen des Tagungsortes in Nizza. Andere, wie der Französische Staatspräsident Chirac, meinten jedoch großspurig, es sei Geschichte geschrieben worden. Wirklich? Möglicherweise, aber das dürfte Chirac kaum recht sein: "In die Geschichtsbücher könnte die südfranzösische Stadt künftig als Beispiel für schlechtes Regieren eingehen", meckert nämlich die "FAZ" im Kommentar auf der Eins und schreibt den Franzosen ins Gästebuch: "Selten war vom Europäischen Geist so wenig zu spüren wie in den Tagen und Nächten in Nizza". Die Mäkelei hat allerdings einen sachlichen Hintergrund. "Die Kluft zwischen dem Möglichen und dem Erforderlichen wird immer tiefer", heißt es weiter in der "FAZ". Denn angesichts des eher mageren Verhandlungsergebnisses, nach dem größere Länder künftig mehr Gewicht haben und die Zahl der Bevölkerung bei der Machtverteilung im Ministerrat berücksichtigt wird, stellt sich doch die Frage, ob damit nicht eine Entscheidungsschwäche eingekauft wurde. Und damit automatisch, ob der Vertrag eine Mehrheit im europäischen Parlament finden wird. "Vergesst Nizza, schaut auf Göteborg", schreibt voller Ahnung Sabine Herre in ihrem Kommentar in der "taz", als hätte sie die fragliche Bedeutung der Verhandlungsergebnisse schon vorher gewusst. In Schweden wird der nächste EU-Gipfel stattfinden. Entsprechend klar textet die Autorin weiter: "Es war einer der größten Fehler der Union, die wichtigste Reform ihrer Geschichte unter der Führung eines Landes durchzuführen, die durch diese Reform einen Machtverlust hinnehmen muss." Eine gewisse Schuld an diesem Fast-Debakel scheinen deshalb auch andere Tageszeitungen beim EU-Ratspräsidenten Chirac auszumachen. "Dass Nizza neben allem anderen auch zu einem Moment der Krise geworden ist, liegt nicht zuletzt an der nicht immer glücklichen Verhandlungsführung des französischen Staatschefs Jacques Chirac", schreibt zum Beispiel der "Tagesspiegel". Pardon, aber das gibt nun definitiv keinen Punkt mehr fürs Bienchenheft, Monsieur Chirac. Und auch keinen Eintrag ins Geschichtsbuch.

Ohne das jetzige Ergebnis zu kennen, war man in vielen Redaktionen gegenüber dem Gipfel in Nizza von vornherein skeptisch. Die aufgeblasene Zahl der Gipfelstunden, die nationalen Eitelkeiten, dies alles sei symptomatisch für das Europa von Morgen, meinte zum Beispiel der "Tagesspiegel" und fand eine Formel für Gipfel und Europa: "Immer größer, immer unübersichtlicher, immer langsamer." Und "Welt"-Leitartikler Nikolaus Blome zieht ein Fazit: "Nach Nizza ist Europa nicht am Ende. Es steht wieder einmal am Anfang."

Die US-Wahl

Nun doch eher am Ende ist der Streit um die Präsidentschaftswahl. Jetzt hat der US Supreme Court die für den Ausgang der Wahl voraussichtlich entscheidende Anhörung angesetzt. Darin geht es um die Zulassung der Handauszählungen in Florida, die Al Gore doch noch als Sieger hervorgehen lassen könnten. Nach einer ersten Entscheidung hatten die neun Supreme Court Richter die Auszählung vorläufig gestoppt. Erstmals wurde dabei allerdings deutlich, dass die privaten politischen Ansichten der Richter auch in ihre Entscheidungen einfließen. Dass die neun Richter bei der nun folgenreichen Entscheidung "überzeugend und mit einer Stimme" sprechen, sei zwar wünschenswert, so der "Tagesspiegel", "angesichts der politischen Trennlinie, die sich durch diese Kammer zieht, kaum wahrscheinlich." "Sicher ist vor der mündlichen Verhandlung heute vor dem US Supreme Court, dass die neun Richter – sieben von republikanischen Präsidenten ernannt – ihr erhabenes Ansehen als überparteiliche Instanz beschädigen werden", schreibt auch Uwe Schmitt in einem Kommentar für die Welt, zeigt aber doch Verständnis für die Richter: "Der Supreme Court muss sich opfern, damit der nächste Präsident halbwegs legitimiert ist."