Sicher werden die beiden heute auch über den EU-Gipfel in Nizza streiten, der das alles beherrschende Thema des Tages ist. "Europa einig - auf kleinem Nenner", titelt der "Tagesspiegel", "Schröder: Wir hätten uns mehr gewünscht" die "Süddeutsche Zeitung". Auch "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Taz", und "Handelsblatt" machen mit skeptischen Schlagzeilen zum EU-Gipfel auf. Nur der "Welt" ist die Innenpolitik wichtiger: "Rebellion gegen FDP-Chef Gerhardt" verkündet der Aufmacher. In den Randspalten oder unter dem Seitenbruch finden sich zumeist die Meldungen "BSE-Rind auf den Azoren nicht aus Sachsen-Anhalt" ("Süddeutsche Zeitung"), "Ion Iliescu wieder Präsident Rumäniens" ("Tagesspiegel") und ein Happen Altes, Neues aus dem Machtkampf ums Weiße Haus: "Das oberste Gericht ist der letzte Schiedsrichter" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). Die "Bild" hingegen serviert, passend zur Vorweihnachtszeit, mal wieder Spekulatius aus dem Hause Becker: "Boris in Sex-Falle gelockt?". Angeblich soll der Tennisstar ohne Wissen und Wollen (was bei prominenten Männern, mögen sie nun Beckenbauer, Jürgens oder Becker heißen, bekanntlich immer mal wieder vorkommen kann) ein uneheliches Kind gezeugt haben.

Nizza

Mit solchen Petitessen hätten sich die EU-Regierungschefs in den vergangenen vier Tagen und Nächten wahrscheinlich auch gerne beschäftigt. Doch es ging um mehr, nämlich um die künftige Struktur der Gemeinschaft. Bei den Verhandlungen kam allerdings nur ein "Mini-Reform-Paket" heraus, wie sämtliche Tageszeitungen berichten. Das bedeutet: Die EU-Charta wurde verabschiedet und die Aufnahme neuer Mitglieder vorbereitet. Andererseits verzichtete Bundeskanzler Schröder mit Rücksicht auf die Franzosen darauf, für Deutschland mehr Stimmen im Ministerrat einzuklagen (eine Besonnenheit, die ihm viel Anerkennung, auch bei der CDU, eintrug). Außerdem behalten die Staaten ihre Vetorechte in einzelnen Politikbereichen bei, die EU-Kommission wird vorerst nicht verkleinert und der EU-Rat kann künftig erst nach einer komplizierten Mehrheitsbeschaffung Entscheidungen treffen.

Dieser lauwarme Kompromißsalat schmeckt den meisten Kommentatoren nicht. "Die europäischen Staatschefs stellten das Gesamtprojekt Europa hinter ihre nationalen Partikularinteressen zurück", erzürnt sich die "Taz", "Der neue Vertrag von Nizza wird nicht als großes Werk Europas in die Geschichte eingehen", meint resigniert die "Süddeutsche Zeitung". Die konsequenteste Schlußfolgerung daraus zieht Christoph von Marschall, Kommentator des "Tagesspiegels": "Es waren zum Teil hässliche Bilder aus Nizza, weil der nationale Egoismus so offen zur Schau gestellt wurde. Aber das war auch ehrlich. Die Regierungen sind nicht bereit, ihren Einfluss sukzessive an europäische Institutionen abzugeben. Sie bleiben die Machtzentren und können sich dabei auf die Bürger stützen. Deren Loyalität gehört dem Nationalstaat.". Der Binnenmarkt, die Währungsunion und die gemeinsame Kriseninterventionstruppe - das sei das Quantum Europa, das die Bürger "gerade noch" akzeptieren würden, schreibt von Marschall. Aber mehr sei eben nicht drin. Warten wir's ab: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, wie ein kluger Fußballtrainer einmal sagte. Und auf Nizza folgt "Post-Nizza" - ein Diskussionsprozess, der 2004 in eine neuerliche Strukturreform münden soll.

Christdemokraten

Auch die hessische CDU kann sich, wie bekannt, nicht wirklich zu einer Reform an Haupt und Gliedern durchringen. Obwohl der Schwarzgeldskandal, wie bekannt, kein Ende nimmt. Am Montag sagte der frühere Buchhalter Franz Josef Reichmann vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages aus, die Staatsanwaltschaft habe schon 1983 die Landesgeschäftsstelle der CDU untersucht. Im gleichen Jahr gleichen Jahr schaffte Kanther 20,8 Millionen Mark in die Schweiz. Dieses Geld sei nach Aussagen Reischmanns, schreibt die "Frankfurter Rundschau", durch illegale Spenden zusammengekommen. Bisher behaupten Kanther & Co, der Betrag habe sich aus legalen Spenden und Mitgliedsbeiträgen gespeist. Doch dieser Widerspruch ist inzwischen noch nicht einmal der "Frankfurter Rundschau", die Kanther, Koch und Kohl ansonsten fest im Visier hat, einen Kommentar im Politikteil wert. Denn das Ergebnis scheint jetzt schon festzustehen: Die KKK-Karawane zieht weiter.

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