Die Tageszeitungen warten dafür heute mit einer schier unbegrenzten Themenvielfalt auf: Die "Taz" feiert einen späten Sieg der japanischen Frauen "Sexuelle Versklavung: Tribunal verurteilt Japan". Es geht um 200.000 Frauen, die während des zweiten Weltkrieges in Japans Armee zur Prostitution gezwungen worden waren. Das "Handelsblatt" setzt sich erneut mit dem maroden Unternehmen Deutsche Bahn auseinander: "Bund durchleuchtet Bahn" schreiben die Düsseldorfer. Die rot-grüne Koalition habe keine Lust mehr, jährlich Milliarden in den Betrieb zu stecken und prüfe eine Grundsanierung. Die "Süddeutsche Zeitung" nimmt sich heute der CDU an und wundert sich auf Seite Eins: "CDU sammelt elf Millionen Mark - Spendenaufkommen nach Schwarzgeldaffäre verdoppelt". Die Frankfurter Zeitungen beschäftigen sich mit europäischen Themen. In der "Rundschau" reckt Frankreichs Präsident Chirac auf einem reichlich unscharfen Foto den Zeigefinger. Die Redakteure schreiben: "EU-Parlament erteilt Chirac eine Abfuhr". Auch die "Allgemeine Zeitung" sieht in einem Kommentar "Frankreichs Schwäche", titelt jedoch mit einem Gerichtsurteil: "Bundesgerichthof nennt Verbreitung von Auschwitzlüge über Internet Volksverhetzung". Die Berliner Zeitungen zeigen sich in ihren Überschriften einig: Der "Tagesspiegel" schreibt: "SPD-Fraktion will Rentenreform ändern", und die "Welt" hält dagegen: "Regierung plant Rentenkürzungen".

Rentenstreit

Ebenso elend wie lang ist die Geschichte der Rentenreform. Kaum jemand blickt überhaupt noch durch, um was es eigentlich geht, bzw. wie die Renten denn in Zukunft berechnet, bezahlt und ausgezahlt werden sollen. Die "Süddeutsche Zeitung" beschreibt noch einmal das Dilemma, in dem Arbeitsminister Riester steckt: "Es mag sein, dass die Suche nach einer gerechten Rentenreform der Quadratur des Kreises ähnelt. Wie soll angesichts der demografischen Entwicklung der Schnitt vollzogen werden, mit dem das dringend notwendige neue System eingeführt werden muss?" Die Koalition möge das ganze noch einmal über denken denn: "Sie hat ein unglaublich kompliziertes Regelwerk entworfen, das kaum jemand versteht. Sie hat auf das Detail geblickt und die großen Ungerechtigkeiten übersehen. [...] Sie ist verantwortlich für die Folgen." Auch die Gewerkschaften finden die Pläne der Regierung unschön. "Für den DGB sind die derzeitigen Pläne Riesters schlimmer als die Rentenreform von dessen christdemokratischem Vorgänger Norbert Blüm", weiß der "Tagesspiegel" zu berichten." Eine der Ungerechtigkeiten in der Reform kritisiert die "Taz": Frauen bekommen zwar den gleichen Rentensatz wie Männer, müssen aber, da sie länger leben, mehr einzahlen. Da empfiehlt die Kommentatorin: "Der einfachste Weg für eine Frau, sich eine gute Altersversorgung zu sichern, ist immer noch der Privatweg: Suche dir einen reichen Mann und bleibe möglichst bis zu seinem Tod mit ihm zusammen."

Europa-Gipfel

"Europapolitisch kann man mit der Einigung gerade noch leben. Die Union hat sich für die Erweiterung präpariert - mit Ach und Krach. Unter dem Gesichtspunkt der nationalen Interessen war der Gipfel ein Erfolg. Der deutsche Einfluss wurde gestärkt, ohne dass die Bundesregierung sich durch allzu großspuriges Auftreten unbeliebt gemacht hätte." Äußert sich die "Süddeutsche Zeitung" über das Ergebnis des Europa-Gipfels in Nizza, und steht mit ihrer Freude ziemlich alleine im deutschen Blätterwald. "Bundeskanzler Schröder konnte sich nur deswegen durchsetzen, weil Frankreichs Präsident Chirac schwächelte", meint die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Chirac dürfte in Frankreich das Gefühl gehabt haben, eingekreist zu sein ... Vielleicht ist damit die Sturheit und die Fahrigkeit zu erklären, die an seiner Verhandlungsführung kritisiert wurden. Frankreichs Schwäche bekommt Europa nicht." Dabei waren die Ansätze Chiracs europäischer, als das, was seine Kollegen ihm entgegensetzten, meint der "Tagesspiegel" "Dies gilt umso mehr, als die Ziele der EU in Nizza schwammiger denn je wurden. Frankreich scheiterte sowohl mit dem Vorstoß, die Wirtschafts- und Währungsunion durch ein 'soziales Europa' zu ergänzen, als auch mit dem Ziel einer von der Nato unabhängigen EU-Verteidigung. Selbst bei der kulturellen Identität, die eigentlich jedem Europäer am Herzen liegen sollte, ließen die EU-Partner Chirac im Regen stehen."

Überhaupt nicht komisch finden die EU-Abgeordneten die Ergebnisse des Marathon-Gipfels von Nizza. Das europäische Parlament muss nun über ein Paket abgestimmen, das es so eigentlich nicht wollte. "Eigentlich müsste es den Vertrag von Nizza, dieses Monument des Reformunwillens der EU-Mitglieder und der nationalen Kleingeisterei, schlankweg ablehnen. Andererseits muss es höllisch aufpassen, dass ihm nicht der Schwarze Peter angepappt wird, die EU-Erweiterung verhindern zu wollen", schreibt die Frankfurter Rundschau.

Graf Neyhauß, politischer Kommentator der "Bild", war auch in Nizza und hat sich so seine Gedanken über die deutsch-französische Freundschaft gemacht. Neben der bemerkenswerten Tatsache, dass der Graf über ein Anwesen in der Provence verfügt, erfahren wir eine interessante Theorie, nach welchen Maßstäben man die Belastungsfähigkeit des deutsch-französischen Verhältnisses bemisst. Er sei - so der frankophile Graf - nur einziges Mal als Deutscher in Frankreich angepöbelt worden. "Von einem belgischen Jugendlichen." Ergo: "Der Kanzler steckte in Nizza unnötig zurück."