Unsere Gymnasien brauchten nicht weniger, sondern mehr Unterricht, meinte Susanne Gaschke in der vergangenen Woche (ZEIT, Nr.4/00) und wandte sich damit gegen das "Turbo-Abitur", die Reifeprüfung nach 12 statt nach 13 Jahren, wie sie nun im Saarland eingeführt wird. Hat da jemand ein Déjà-vu? Richtig, hier ist sie wieder, die Diskussion um das 13. Schuljahr, zuletzt mit Herzblut geführt vor mehr als zehn Jahren, als der damalige bayerische Schulminister Hans Zehetmayr den Schülern der neuen Bundesländer die Hochschulreife absprach, weil diese in der DDR schon nach zwölf Jahren erreicht war. Der damals von seinen Kultusministerkollegen nur mühsam niedergerungene Zehetmayr griff dabei auf einen Argumentenvorrat zurück, der bereits in den Siebzigern und Achtzigern verschlissen worden war.

Aber lassen wir die Vergangenheit ruhen und fragen einmal: Warum führen wir diese und all die anderen sattsam bekannten Schuldebatten immer wieder von neuem? Denn es ist ja nicht nur die Schuldauer, die nunmehr bereits in der dritten oder vierten Generation die Gemüter beschäftigt; Abitur, Oberstufenreform, Elite, Fächerkanon - warum werden wir es nie müde, uns mit abgewetzten Argumenten über die ewig gleichen Themen zu ereifern?

Das hat vor allem einen Grund: Auch die fadeste Debattenkost schmeckt immer noch besser als die bittere Wahrheit über den wirklichen Zustand der Schule. Es ist ja sehr viel einfacher, sich öffentlickeitswirksam zu echauffieren, als sich ernsthaft mit der traurigen Realität des Schulalltags auseinander zu setzen.

Im vorliegenden Fall wäre dies die folgende: Angesichts der schlechten Unterrichtsqualität ist es - leider - vollkommen egal, ob die Schule zwölf oder dreizehn Jahre dauert. Wenn Schüler nach 13 Jahren immer noch nicht richtig Englisch gelernt haben, dann können sie dieses sinnlose Unternehmen getrost auch schon nach 12 Jahren aufgeben. Und das gilt mehr oder weniger für die anderen Fächer auch. Zu glauben, dass mehr Unterricht automatisch auch besserer Unterricht sei, ist - gelinde gesagt - gefährlich naiv. Das Ergebnis der Timss-Studie über die Rückstände deutscher Schüler in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern war ja vor allem deshalb ein solcher Schock, weil es die Lebenslüge vom guten deutschen Schulunterricht zerstörte. Und die Nachfolgestudie Pisa wird zeigen, dass es um das Lese- und Schreibverständnis genauso schlecht, wenn nicht schlimmer bestellt ist. Bei dieser Misere ist man geradezu versucht, nicht für mehr, sondern für weniger Unterricht zu plädieren.

Schon jetzt zeigt sich ja, dass vor allem diejenigen Schüler am längsten im System verbleiben, die am wenigsten davon profitieren. Wer besser damit klarkommt, ist auch früher wieder draußen. Bei den - in Susanne Gaschkes Worten - "besonders leistungsfähigen, interessierten, belastbaren Schülern", der "Elite" also, handelt es sich um die etwa 20 Prozent, die, aus welchen Gründen auch immer, mit jedem Lernsystem zurechtkommen. Ihnen kann selbst der schlechteste Unterricht wenig anhaben, sie lernen trotzdem. Es kann aber nicht die Aufgabe der Schule sein, ihre pädagogische Aufmerksamkeit vorzugsweise auf diejenigen zu richten, die sie am wenigsten brauchen.

Die Klage über eine angebliche Vernachlässigung der Elite ist ja nichts als der rhetorische Schamlappen, der notdürftig eine unansehnliche Blöße des deutschen Schulsystems verhüllt: das Unvermögen, den unterschiedlichen Lerntempi und -begabungen von Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Allen, nicht nur den tatsächlich oder vermeintlich Hochbegabten, wäre wirklich geholfen, wenn sie auf einem ihnen entsprechenden Leistungsniveau lernen könnten; vom einheitlichen Klassenverbandslernen profitieren letztlich nur die Mittelmäßigen. Ausreißer nach oben wie nach unten aber haben es schwer. Die von Susanne Gaschke gepriesene Möglichkeit, Klassen zu überspringen, also den gesamten Fächerballast auf nächsthöherer Stufe abarbeiten zu müssen, kaschiert nur eine Systemschwäche. Das ist ungefähr so sinnvoll, als wolle man in einen Zweiwochenurlaub jedes Mal die gesamte Wohnungseinrichtung mitnehmen. Und weil man an diesem Unsinn nichts ändern kann oder will, werden die tatsächlich oder vermeintlich Hochbegabten in eine Sonderrolle hineindebattiert, dank derer sie zwar nicht in dem ihnen angemessenen Unterricht landen, häufig dafür aber beim Schulpsychologen.

Die Schulabsolventen in Deutschland sind ja tatsächlich zu alt; allerdings nicht, weil ihnen "die Fortschrittsherolde aller politischen Lager" "im Namen eines höchst abstrakten globalen Arbeitsmarktes" die Zeit zu Theaterspiel und Chorgesang missgönnen, sondern aus einem ganz anderen, ebenfalls von Debattenpolemik verschleierten Grund: Wer nach dem Abitur die Hochschule betritt, ohne gelernt zu haben, seine Arbeit und seine Freizeit selbstständig zu organisieren, wer nicht in der Lage ist, sich auch unbekannten Wissensstoff eigenständig anzueignen, womöglich, weil er noch nicht einmal das Bibliografieren, geschweige denn das Internet beherrscht, der ist allerdings zu alt - und zwar unabhängig von seinem Alter.