Wie viel? In einer früheren Menschenrechtsdebatte hatte der damalige Außenminister Klaus Kinkel erklärt, von derlei Äußerungen falle "in China kein Sack Reis um". Und so werden sich jene US-Bundesstaaten, die der Todesstrafe nach wie vor anhängen, gewiss wenig um diese Resolution scheren; auch werden sich deren Gouverneure durch deutsche Einwendungen nicht davon abbringen lassen, im Interesse ihrer politischen Karriere weiterhin alle Gnadengesuche abzulehnen.

Da mag man nun sagen, man müsse wohl Großmacht sein, um sich den vielfältigen Artikulationen des zivilisierten Weltgewissens zu entziehen: China und Amerika, die zwei Antipoden des 21. Jahrhunderts, Arm in Arm an der Spitze der Hinrichtungsbewegung! Nun, so einfach sind die Dinge nicht - und deshalb hat diese Resolution nicht nur das humanitäre Ethos, sondern auch die politische Effizienz auf ihrer Seite, wenn auch in bescheidenem Maße. Denn in den USA selber gibt es, anders als in China, eine leidenschaftliche und öffentliche Debatte über das Für und Wider der Todesstrafe. (Um so schlimmer, dass es dann die Todesstrafe dort immer noch gibt, sagt mein innerer Widersacher…) Fast die Hälfte der Bundesstaaten wendet die Todesstrafe nicht an - und verzeichnet keine schlimmere Kriminalstatistik. Es mag also sein, dass die öffentliche Meinung in Amerika durch deutsche Resolutionen kaum bewegt wird - aber wenn diese Beschlüsse überhaupt irgendwo Wirkung entfalten, dann eher noch in einer offenen Gesellschaft als in einer geschlossenen Diktatur. Und wer Diktatoren zur Menschlichkeit bewegen will, muss es gegenüber Demokraten erst recht - und zuerst - getan haben.

Im übrigen muss und darf man (in Abwandlung eines berühmten Zitats) sagen: Ein kleiner Schritt für die Menschheit - aber ein (relativ) großer Schritt für Deutschland. Denn was soll das Reden von der westlichen Wertegemeinschaft, wenn wir dort, wo es um die elementaren Menschenrechte geht, nicht aus dem Schatten der westlichen Vormacht heraustreten können, sondern immer nur ehrerbietig murmeln: Amerika, Du hast es besser! Nein, und immer wieder Nein: Bei diesem Thema nicht!

Und nun sollten wir bei der nächsten Sitzung der UN-Menschenrechtskommission auch gegenüber China nicht einknicken.