Das kann nun bei einer Personalauswahl für einen zu vergebenden Posten auch gar nicht anders sein, jedenfalls dann nicht, wenn das Mehrheitsprinzip für die gesamte Wählerschaft gelten würde. Doch bereits bei der Aufteilung der Wählerschaft in einzelne Wahlkreise (oder US-Bundestaaten) gibt es Probleme. Aber selbst in unseren Breiten gibt es – und zwar für die Wahl der Parlamente – Anhänger der Mehrheitswahl. Oder wie man anders zu sagen pflegt: der Persönlichkeitswahl. Das würde in der Praxis bedeuten: Wer in einem Wahlkreis die meisten Stimmen auf sich vereinigt, der bekommt das Mandat; die anderen gehen leer aus. Und das selbst in einem Fall, in dem ein Bewerber unter fünfen eben mal 25 Prozent der Stimmen auf sich vereinigt, während die anderen vier sich gleichmäßig in 75 Prozent der Stimmen teilen. (Wer unter den Lesern dieser Kolumne diese Division richtig ausführt, bekommt einen Weihnachtsgruß vom Autor.) Jedenfalls sieht man: Nach dem Mehrheitsprinzip kann ein Abgeordneter gewählt sein, der nur eine Minderheit der Wähler hinter sich hat. Und was ein solchermaßen zusammengesetztes Parlament angeht: Margaret Thatcher hat Großbritannien über lange Jahre mit überragenden Mehrheiten im Unterhaus regiert, obwohl hinter ihren Abgeordneten in der Summe nur 44 Prozent der Wähler standen; die hat also gewissermaßen gegen die Mehrheit des Landes regiert. (Dieses Prinzip gilt in Deutschland bei der Zuerkennung der Direktmandate zum Bundestag; aber die verhältnismäßige Zusammensetzung des Bundestages wird letztlich durch das Proportionalprinzip bei den Listenmandaten bestimmt.)

Warum kommen wir nun beim Anlass der amerikanischen Malaise auf das Thema zu sprechen? Um uns die Legitimationsprobleme des Prinzips winner takes all wenigstens dort bewusst zu machen, wo sie sich vermeiden lassen. In den demokratischen Verfassungen ist stets vom freien und vom gleichen Wahlrecht die Rede, mindestens davon. Was nun das gleiche Wahlrecht betrifft, so unterscheidet man zwischen dem Zählwert einer Stimme und dem Wirkungswert. Unter Zählwert verstehen wir: Jeder Wähler hat nur eine Stimme – und nicht etwa der Reiche fünf und der Arme eine. (Oder der Schwarze, wie in den USA, oft gar keine, weil er aus den verschiedensten Gründen nicht den Weg ins Wählerverzeichnis findet; auch in Florida soll so etwas vorkommen.) Unter Wirkungswert verstehen wir: Jede Stimme hat die selbe Wirkung, freilich multipliziert mit der Zahl der mit derselben Absicht abgegebenen Stimmen. Mit anderen Worten: Keine Stimmenvielzahl, und sei es nur eine Minderheit, darf völlig unter den Tisch fallen – oder gar geworfen werden. Das Prinzip winner takes all kennt nur die Gleichheit im Zählwert der Stimmen, der gleiche Wirkungswert zählt hier nicht.

Wie gesagt: Bei der Wahl in ein bestimmtes Amt geht’s nicht anders. Dafür aber muss dann wenigstens der Zählwert stimmen. Denn wo die relative Mehrheit von nur einer Stimme dazu führt, dass einer der absolute Sieger ist, muss wenigstens die Zählung exakt ausfallen. Und zwar so absolut und über jeden Zweifel erhaben wie – der Sieg. Womit wir dann doch wieder beim floridanischen Streit wären…