Spätestens hier wird der geneigte Leser sich fragen: Hat der sie nicht mehr alle? - Doch, doch! Aber fangen wir sicherheitshalber noch einmal anders an:

Werden wir morgen alle zu Freihändlern - oder zum Freiwild der Händler? Die Bundesregierung will nämlich heutigen Tages einen Gesetzentwurf verabschieden, demzufolge im kommenden Jahr sowohl das Rabattgesetz als auch die Zugabenverordnung fallen sollen. So - und wird nun alles besser und billiger? Werden wir bei jedem Einkauf feilschen dürfen (und müssen) wie die Teppichhändler?

Das hängt in erster Linie davon ab, wie wir leben wollen: als freie Wirtschaftsbürger - oder als Objekte der fürsorglichen Betreuung durch den Staat? Natürlich ist das betreute Leben durch den Staat (und den Gesetzgeber) in mancher Hinsicht einfacher und bequemer. (Sogar die autoritäre Regierung hat für die ihr Unterstellten ihre Bequemlichkeiten - und Freiheiten, etwa die von Verantwortung...) Man weiß, was man darf - vor allem aber: was nicht. Viele Entscheidungen werden einem auf einfache Weise abgenommen - dadurch, dass sie einfach verboten sind. Und so gilt dies auch für die Preisbildung im Handel: Man kann und braucht sich nicht nach dem Preis hinter/unter dem Preisschild zu erkundigen, denn der Händler darf ja doch keinen Rabatt geben. (In Wirklichkeit und in der Praxis ist das natürlich Unsinn: Wer beim Autokauf den Listenpreis bezahlt, hat eben nur noch nicht herausgefunden, welcher Berufsgruppe er angehören muss, um einen "Sonder"-Rabatt zu bekommen; einfachen Rabatt gibt es ja nicht. Oder er hat noch nicht probiert, zwar für den neuen Wagen einen Listenpreis zu bezahlen, dafür den alten, gebrauchten teurer einzusetzen, an der "Schwacke-Liste" vorbei; denn einen Mehrpreis zu nehmen - als kaufender Verkäufer des Gebrauchtwagens - ist eindeutig nicht verboten. Oder er hat an dem neuen Kühlschrank noch nicht den kleinen Lackschaden entdeckt, der - nach scheinbar umständlicher Rücksprache mit dem Geschäftsführer - zu einem Preisnachlass über die gesetzlich erlaubten 3 Prozent hinaus führt.)

Zurück zur Praxis der Ideologie - oder Idee: Natürlich wird in Zukunft nicht alles billiger und nicht alles einfacher, sondern auch ein Stückchen unübersichtlicher (für den Kunden, der differenzierte, kritische Preis- und Waren-Vergleiche nicht eingeübt hat) und schwieriger (für den kleinen Händler, der sich bisher das Jonglieren mit flexiblen Preisbildungen ersparen konnte, weil - s.o. - ohnedies verboten). Nun muss man eben rechnen, was das zum Beispiel pro Stück bedeutet: Bezahle zwei, kaufe drei... Aber es wird vieles ein wenig liberaler und - ehrlicher. Und wenn die Theorie des Marktes wie bisher in der Praxis stimmt, wird im Zuge des verschärften Wettbewerbs alles zusammengenommen auch etwas billiger. Und weil Wettbewerb, wenn er denn wirklich stattfindet, stets scharf ist, werden wohl einige Anbieter mehr als nur Schwierigkeiten bekommen. Aber ohne Hechte im Teich werden die Karpfen fett und träge - und die Angler auch. Jedenfalls hat aber die staatliche Betreuungs- und Regulierungstätigkeit in Wirklichkeit nur zu mancher Heuchelei und zu mancher Kleinlichkeit geführt.

Wer hatte nicht schon im Tabakladen nach einem nicht zu knappen Einkauf um ein paar Zündhölzer gebeten - nur um auf das Schild hingewiesen zu werden, wonach die Zugabenverordnung derlei verbiete. Also, Geldbeutel wieder heraus aus der Tasche... Oder wer erinnert sich nicht noch des mühseligen Einklebens der Rabattmarken von (Achtung: Firmenname gestrichen, wg. verbotener Schleichwerbung) in das Rabattmarkenheft. Hätten damals alle Händler ihre Preise um 3 Prozent heruntergesetzt, hätte die müde Hausfrau jeweils dort einkaufen können, wo sie gerade vorbeikam - und sich das nächtliche Einkleben der Marken erspart.

Also: Ein bisschen weniger Staat - ein bisschen mehr Liberalität, ein bisschen mehr Freiheit - und ein bisschen mehr Mühe der Souveränität! War das alles? Halt, da hat doch gleichzeitig das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass selbst Schockwerbung (Benetton, Firmenname hier erwähnt, da keine Schleich-, sondern Schock-Werbung!) erlaubt sei, von wegen Meinungsfreiheit auch in der Werbung, und weil der angesprochene Kunde (gefälligst oder mündig) selber entscheiden könne, was ihm gefalle. Auch auf diesem Gebiet mögen die Segnungen der Freiheit die eine oder andere Sumpfblüte treiben - und dass sie Benetton-Werbung geschmacklos war (und jedenfalls eigensüchtig und nicht wirklich allein an den gezeigten Opfern interessiert), das wussten wir auch ohne das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Aber wollen und brauchen wir schon deshalb den Staat als Anstands-Wauwau?

Also, der Liberale darf sich freuen, wie es so seine Art ist: optimistisch und skeptisch zugleich. Weil er dem Menschen an sich nicht traut (und ihm unterdessen manches zutraut, im doppelten Sinne des Wortes), hält er die Konkurrenz der Unvollständigen eben immer noch für besser als die unvollständige Konkurrenz.