Drei Monate ist die Spielzeit erst jung - aber schon dröhnen die Ohren, schmerzen die Augen. Denn laut und hektisch geht es jetzt zu im neuen Theater, wenn dort nach Lust und Laune inszeniert und interpretiert, demontiert und dekonstruiert wird - das gilt gleichermaßen für die intelligenten wie für die dümmlichen Varianten der aktuellen Umtriebigkeit. Gern werden über Klassikern ganze Plattenschränke entleert, mancherorts ist der DJ schon wichtiger als die Schauspieler. Stimmung bemisst sich nach Phonzahl, Bedeutung braucht Hall. Als Leisetreter will niemand verschrien sein. Also trumpft das Theater immer stärker auf, akustisch wie optisch - und also stellt sich beim Zuschauer, sofern er nicht taub und blind ist, immer öfter der Verdacht ein: Viel Lärm um nichts.

Nun aber dies: dreieinhalb Stunden Stille im Wiener Akademietheater. Gedämpftes Licht, gedämpfte Unterhaltung. Keine Musik, keine Geräusche. Konversation im Kammerton. Sechs Menschen sprechen von sich, von dem, was war, was sein wird, was sein könnte, was nicht mehr sein soll. Sie reden sich um Kopf und Kragen. Sie wühlen sich immer tiefer in die Vergangenheit, in Gewissensnot, in Fragen von Schuld und Sühne. Äußerlich geschieht fast nichts: Einer betritt das Haus, ein anderer verlässt es. Man sitzt beisammen, trinkt Tee, es wird gehäkelt, Staub gewischt. Zuletzt sind zwei am Ende ihrer Kraft angelangt: Gemeinsam gehen sie in den Tod, zum nahen Wasserfall am Haus, dort suchen sie, was ihnen beim Reden abhanden gekommen ist - Vertrauen zueinander, Glück miteinander. Es ist die Lebenskatastrophe zweier Menschen - aber wir sehen davon nichts, hören nichts. Keinen Schrei, keinen Wellenschlag, kein Klangrauschen. Stilles Abtreten in die Kulisse. Das Ungeheuerliche passiert ganz leise. So hat Peter Zadek Ibsens Rosmersholm inszeniert.

Aber dann gibt es doch noch eine Explosion - im Zuschauerraum. Dort entlädt sich die Spannung dieser vier Akte, die Konzentration, die die unablässige, unerbittliche Menschenbeobachtung gefordert hat: Das Publikum jubelt, feiert die sechs großartigen Schauspieler und ihren Regisseur. Für Zadek wird die Premiere zum Triumph. Mit Rosmersholm, diesem düsteren, kaum je aufgeführten, immer wieder für unspielbar erklärten Seelendrama des späten 19. Jahrhunderts, ist ihm ein grandioser Wurf geglückt - und der Beweis, dass ein leises, subtiles, ganz nach innen gekehrtes Theater sich auch heute noch suggestiv Gehör verschaffen kann.

Zadek, inzwischen 74, ist der wilden Experimente und verwegenen Provokationen früherer Jahre längst müde - vorüber, ach vorüber. Sein Interesse am Theater ist jetzt ein gänzlich anderes: Er will sich mit aller Macht einlassen auf die Fantasie eines Dichters, tief hineinhorchen in die Seelenlandschaften großer Texte. Das hat er jetzt, nach dem unvergesslichen Baumeister Solness von 1983, mit Ibsen wieder getan, auf höchst imponierende Weise. Doppelt bewundernswürdig - denn bei aller Intensität des "Hinhorchens", der psychologischen Erkundung hat er seinen Figuren und Schauspielern niemals endgültige Antworten abgenötigt. Zadek belässt es bei Fragen, bei Erklärungsversuchen. Das Geheimnis bleibt. Keiner, der am Ende des langen Abends Gert Voss und Angela Winkler, den gescheiterten Weltverbesserer Rosmer und seine zur Selbst- justiz entschlossene Lebenskameradin Rebekka, in zärtlicher Umarmung zwischen den Bäumen verschwinden sieht - keiner kann sich einen sicheren Reim drauf machen, ob es sich beim finalen Doppelsuizid nur um einen theatra- lisch-rhetorischen Kraftakt, um symbolschweren Kitsch oder doch um einen realen psychologischen Ausweg handelt. Diese Zweifel nimmt der Zuschauer mit nach Hause.

Rosmersholm ist Ibsens vielleicht schwierigstes, jedenfalls mysteriösestes Stück, vergleichbar nur der Frau vom Meer. Alles, was man dem gefeierten Autor seiner Epoche, dem großen Gesellschaftsdramatiker, später vehement ankreidete, zumal im Vergleich zu Tschechow - ein Tüftler sei er, ein Schematisierer, ein dramaturgischer Logiker bloß und kein Mitempfinder -, all dies trifft hier nicht zu. Ibsen ist ja nicht nur der mechanische "Drillbohrer", als den ihn Alfred Polgar verhohnepipelte, er hat sich hier weit ins Fluktuative, Mehrdeutige der Gefühle und Imaginationen vorgewagt. Rosmersholm führt ein hochkomplexes Spiel von Täuschungen und Selbsttäuschungen, von Lügen, Projektionen und verblasenen Lebensentwürfen vor. In immer neuen Enthüllungen und Beichten entblättert sich, wie beim Häuten einer Zwiebel, eine Text- und Lebensschicht nach der anderen - kein Zufall, dass Sigmund Freud sich gerade durch Rosmersholm zu einer Studie (über verborgene Inzestmotive) anregen ließ.

Der Abtrünnige und die Emanzipierte

Die Stätte der Tradition, ein Hort von Sitte und Anstand, wird zum Ort des Aufbruchs. Seit vor Jahr und Tag die junge, attraktive Rebekka als Gesellschafterin auf den herrschaftlichen Landsitz gekommen ist, hat sich Schloss Rosmersholm gewandelt: Ihr freies Wesen, ihre freisinnigen Gedanken haben den Hausherrn Johannes Rosmer mehr und mehr beflügelt. Aus dem knöchernen Konservativen, in unglücklicher, kinderloser Ehe an die kränkliche Beata gebunden, schlüpfte ein Liberaler, der den alten Glauben abwarf, seines Pfarramts überdrüssig wurde und sich nun mit blauäugigem Eifer einer neuen Mission verschreibt: Die Menschen will er zur "wahren Demokratie" führen, im Geiste adeln und läutern. Karl Kneidls Bühne im Akademietheater spiegelt diese Vorgeschichte, den Übergang vom Gestern zum Heute: Es ist ein Raum ins Offene, der Versatzstücke von Historie und Gegenwart addiert. Man sieht stimmungsvolles Salonmilieu, eine Treppe, die im Leeren endet, einen gemalten Alleeprospekt, aber auch die Brandmauer des Theaters. Den letzten Akt lässt Kneidl dann, gegen Ibsen, ganz im Freien spielen: Zwischen Laubwald und Gebüsch, neben einer hässlichen Blechscheune ros-tet ein Oldtimer ohne Räder - Ende einer langen Reise.