Byumba

Dominic hat jetzt eine Zahnlücke. Die gibt seinem Grinsen was Verwegenes. Jean-Pierre ist im Stimmbruch. Abends, wenn seine Geschwister singen, ist von ihm nur ein Brummen zu hören. Vestines Schulnoten haben sich verbessert. Deutlich, sagen die Lehrer. Wenn Vestine so weitermacht, könnte sogar das mit dem Medizinstudium klappen. Und Providence, die Mutter? Sie hat den Vorgarten voller Blumen gesetzt.

Familienalltag. Montag bis Freitag: vormittags Schule, nachmittags Hausaufgaben (und viel zu wenig Zeit zum Spielen). Samstag: einkaufen auf dem Markt, danach Lebensmittel schleppen, den ganzen weiten Weg vom Parkplatz bis zum Haus. Sonntag? Je nach Wetter.

Alles ganz normal. Deutsche Kinder würden sich nach ein bisschen mehr Abwechslung sehnen. Nach was Aufregendem.

Doch Dominic, Jean-Pierre, Vestine und Providence leben in Ruanda. Und hier ist die Normalität das Besondere. Eine Sensation. Die Voraussetzung dafür, dass die Geister der Vergangenheit endlich verschwinden. Dass Vestine nicht mehr jede Nacht hochschreckt, weil sie von ihrer toten Mutter geträumt hat, von den Männern mit den langen Messern, von der kleinen Schwester, die erschlagen wurde.

Im Frühjahr und Sommer 1994 versank Ruanda, eines der kleinsten Länder Afrikas, in einem der grausamsten Massaker, die die Menschheit je gesehen hat. Innerhalb von 100 Tagen starben rund 800 000 unter den Machetenhieben ihrer Landsleute.

Damals verloren Vestine, Jean-Pierre und Dominic ihre Eltern, ihre Geschwister, ihr Zuhause. Dass sie nicht auch ihre Zukunft verloren haben, verdanken sie Tausenden Spendern in Deutschland, darunter vielen ZEIT-Lesern.