Mit der "deutschen Leitkultur" sind Sie, Leser, seit Oktober ausreichend drangsaliert und begackert worden; samt der unseligen Schlusspointe, dass P. Struck (SPD) das besonders danebene Wortspiel wagte, diese Leitkultur sei eine "Streitkultur der miesesten Art" - er hat scheint's auch keinen Schimmer von der edlen und zuweilen sogar sozialdemokratisch ästimierten Streitkultur. Ein anderes Wortspiel namens Lightkultur (ungleich Heavykultur, die fehlt aber noch) wurde als nach meiner Zählung 412. Kultur auch schon vorstellig - der Politologe Eckhard Jesse u.a. formulierte ein drittes, die "Leidkultur". Was könnte gemeint sein?

Nun, während die Leitkultur die "Weltherrschaft des deutschen Geistes" (Kurt Riezler, 1914) in etwas moderaterer Tonlage aufbietet, derweil bezeichnet die Leidkultur weniger die (auch schon gedruckte) Tränen- beziehungsweise Sepulkralkultur; sondern Jesse benannte beziehungsweise geißelte wohl das, was sich zum Beispiel am 9.11. vor allem medial und abgeschmackt genug abspielte: dass unterm Vorwand eines Gedenk- und Trauer- und Bußtags mit fortschreitender Traulichkeit der Lichterketten eine überaus obskure, ja obszöne Volksfestlichkeit und zumal Medienquarksoße sich entwickelte: als ob Pogromnachtleid und Oktoberfest letztlich eins seien - ja, es muss ihnen heute schon ein Professor, Heinrich A. Winkler (in der ZEIT) , sagen: "Jubeln oder trauern - beides geht nicht."

Es ehrt seinen Kollegen Jesse, dass er beides, Leid- wie Leitkultur, als interethnische Fermente fast gleich glatt abweist. In der Tat sind es zwei Medaillenseiten des selben Schmiergelds.