Tallahassee

Sollte George W. Bush am 20. Januar den Amtseid ablegen - und vieles deutet darauf hin -, dann "ist er auch mein Präsident", sprach Al Gore staatsmännisch in die Kameras und bat seine Anhänger, Bushs Amtszeit nicht mit Klagen über die "gestohlene Wahl" zu belasten. Honorige Worte. Doch Al Gore glaubt sie selbst nicht - und er hat gute Gründe dafür. Eine kleine Reise durch ausgewählte Wahlkreise Floridas legt den Schluss nahe: Unter normalen Bedingungen hätte Al Gore den Bundesstaat Florida und damit die Präsidentschaft gewonnen.

Beginnen wir im konservativen Nassau County am nordöstlichen Zipfel des Bundesstaates. Zwei Drittel der Stimmen gingen am Wahltag an Bush. Doch weil der Republikaner nach der ersten Auszählung in ganz Florida nur mit 327 Stimmen führte, musste auch Nassau noch einmal nachzählen. In der Regel fördern Nachzählungen mehr Stimmen zutage, weil die Zählmaschinen im ersten Durchgang viele Wahlzettel nicht registrieren, die in der Wahlkabine nur unvollständig durchgestanzt worden sind. In Nassau aber waren es nach der zweiten Zählung 218 Stimmen weniger, was den Gesamtvorsprung von George Bush in Florida um 51 Stimmen schwinden ließ. Die Wahlkommission von Nassau County überlegte kurz und gründlich und reichte bei der Innenministerin von Florida, Katherine Harris, für das amtliche Endergebnis nicht das Resultat der Nachzählung, sondern der ersten Zählung ein.

Die Reise geht weiter auf der Interstate 95 Richtung Süden. In Daytona Beach mit seiner berühmten Autorennstrecke geht es rechts ab auf die Interstate 4. Hier liegt, eingequetscht zwischen Disneypark und Cape Canaveral, Seminole County, eine weitere republikanische Hochburg. Wie überall in Florida hatten hier beide Parteien Bürger, die als Republikaner oder Demokraten registriert sind, in den Wochen vor dem 7. November mit Briefwahlanträgen eingedeckt, "damit die älteren Herrschaften am Wahltag nicht ihr Golfspiel unterbrechen müssen", wie die Wahlleiterin in einem benachbarten County frotzelte. Das ist laut Gesetz erlaubt. Nicht erlaubt ist, dass sich Parteiaktivisten über unvollständig ausgefüllte und damit ungültige Briefwahlzettel beugen und sie mit Daten aus den Wählerlisten vervollständigen. Genau das geschah in Seminole County. Zehn Tage lang gestattete dort die Wahlleiterin Anhängern von George Bush, ungültige Briefwahlstimmen eingetragener Republikaner "wieder gültig zu machen". Von 15 000 Briefwahlstimmen fielen zwei Drittel auf den Republikaner. Eine Klage auf Annullierung ist anhängig.

Von Seminole County geht es wieder ostwärts auf die Interstate 95. Das Hinterland wird sumpfig, und an den Küstenstreifen bilden Hotels, Shopping-Malls, Tankstellen, abgeschirmten Privatsiedlungen und Golfclubs eine endlose Silhouette. Willkommen im Zentrum des Zählkriegs, in Miami-Dade County. In vier Counties hatten die Demokraten manuelle Nachzählungen beantragt. In Miami-Dade hatte sich Gore die größten Zugewinne erhofft. Doch am Mittwoch, dem 22. November, stand die Wahlkommission einer "spontanen" Kundgebung von Bush-Anhängern gegenüber, die weit heftiger ausfiel als das bis dahin übliche Johlen und Schwenken von Schildern. Die Demonstranten waren bis zu den Büros der Wahlzähler vorgedrungen, trommelten gegen die Glastüren, bedrohten Mitglieder der Kommission, teilten Hiebe und Fußtritte aus. Der örtliche Vorsitzende der Demokraten musste unter Polizeischutz in Sicherheit gebracht werden.

Spontan war diese Aktion nicht: Der republikanische Fraktionsvorsitzende im US-Repräsentantenhaus, Tom DeLay, hatte seit Tagen über eine Telefonzentrale der Partei Anhänger aus allen Teilen des Landes nach Florida mobilisiert. Anfahrt und Hotel wurden den Demonstranten bezahlt. An jenem Mittwoch hatten Parteistrategen und eine exilkubanische Radiostation ganz unverhohlen zum Sturm auf Miamis Innenstadt aufgerufen. Am nächsten Tag - es war Thanksgiving - stellte die Wahlkommission von Miami-Dade die Nachzählung ein. Bush-Anhänger durften auf Parteikosten im Hyatt-Hotel Truthahn essen. Und die Presse fand eine neue Wortschöpfung für "spontane Demonstrationen": "Rent-a-mob". In Miami-Dade ist jetzt, wahlpolitisch gesehen, alles ruhig.

Doch wir bleiben noch in Miami. Am Wahltag liefen bei afroamerikanischen und haitianischen Radiosendern die Telefone heiß: Schwarze, behaupteten die Anrufer, würden bei der Stimmabgabe behindert. Registrierte Wähler stünden nicht auf den Listen oder müssten sich gleich mehrfach ausweisen, während Weiße ohne jeden Identitätsnachweis die Wahlkabine betreten dürften. Haitianischen Immigranten würde der Beistand von Übersetzern verwehrt. Schwarzen, die sich vor Monaten als Wähler hätten registrieren lassen, war keine Wahlkarte zugestellt worden. Unbescholtenen Bürgern wurde erklärt, sie seien als Vorbestrafte nicht mehr wahlberechtigt. Es folgte das übliche Ritual der Demonstrationen unter Führung des Bürgerrechtsaktivisten Jesse Jackson, der umstandslos den Bogen von der Sklaverei zum Wahltag 2000 schlug.