DIE ZEIT: Sie haben einen Leserbrief geschrieben. Sie klagen Gerechtigkeit für alte Freunde ein, für die neuen Neil-Young- und Lou-Reed-Alben, die in der Süddeutschen Zeitung verrissen wurden. Sind Sie zum Fan geworden?

WIM WENDERS: Für mich waren das zwei klassische Alben, mit das Beste, was die beiden je gemacht haben. Und als ich ein paar Tage hintereinander immer diese Verrisse gelesen hatte, ging mir das über die Hutschnur. Ich schreibe ja sonst keine Leserbriefe. Es war das erste Mal.

ZEIT: Ihre Liebe zur Rockmusik scheint sich - im Gegensatz zu Altersgenossen wie Peter Handke - kaum verändert zu haben. Ist Ihnen diese Musik nie fremd geworden?

WENDERS: Nein. Die Beziehung war immer gleich stark, ging allerdings durch verschiedene Phasen. Eine Weile lang habe ich viel mehr alte Sachen gehört, weil ich in den achtziger Jahren das Gefühl hatte, es wird nur noch wiederholt, alles war schon erfunden. Der Rock 'n' Roll war ziemlich kraftlos geworden. Das änderte sich dann wieder in den Neunzigern mit Pearl Jam und Nirvana, da hörte ich nur neue Musik. Inzwischen hält sich das die Waage.

ZEIT: Die Klage, das Neue sei nur ein schwacher Abguss des Alten, gehört ja - vor allem in der Rockmusik - mit zum Spiel.

WENDERS: Es war nicht nur die Musik, es war auch der Klang. Viele von den CDs, die in der digitalen Aufbruchseuphorie der achtziger Jahre erschienen, klangen so schmal und emotionslos, dass ich darin keine Gefühle und keine Kraft mehr gefunden habe. Schließlich habe ich aus Trotz meinen Plattenspieler wieder rausgeholt und angeschlossen.

ZEIT: Fühlen Sie sich als Nostalgiker?