Christian Seiler ist ein Mann mit graumeliertem Haar und frischem Teint. Einer vom Typ Wussow, der seine Cordhose in die Kosakenstiefel gesteckt hat und als Held in einer Vorabendserie mit dem Titel Hotel Riffelalp keine Fehlbesetzung wäre. In einer solchen Serie müsste er nur sich selbst spielen: Delegierter der Seiler Hotels Zermatt AG, einer Familiendynastie, die hier in den Walliser Alpen seit jeher für Furore gesorgt hat. "Schauen Sie, die Technik", sagt er und hält in Zimmer 209 zwei Fernbedienungen in der Hand. Die Aufführung will nicht richtig klappen, das Bose-Dolby-Surround-System gibt keinen Piep von sich. Macht nichts - das legendäre Hotel Riffelalp wird ja erst in einigen Tagen eröffnet. Überhaupt geht es noch ein wenig chaotisch zu: Im Foyer stapeln sich Kartons, junge Leute tragen hektisch hin und her, was hin und her zu tragen ist, ein Helikopter setzt Clubsessel aus echtem Krokoleder vor der Tür ab. Und mitten in diesem Chaos steht Amadé Perrig, der ehemalige Kurdirektor. Er sagt zum dritten Mal: "Ein Glücksfall für Zermatt."

Die Übernachtung kostet im Glücksfall etwa 600 Mark pro Person im Doppelzimmer. An diesem Wochenende rückt die internationale Presse zum Opening des legendären Hotels Riffelalp an. Legendär, weil die Riffelalp bereits im Jahre 1884 von der Familie Seiler eröffnet wurde. 1961 brannte das Haupthaus bei einem Umbau jedoch völlig nieder. Für die Finanzierung des Neubaus konnten die Seilers nun einen Freund begeistern: Marc-Edouard Landolt, Vertreter der Familienstiftung Sandoz aus Basel. Fünfzig Millionen Schweizer Franken hat sie für das Prestigeprojekt lockergemacht: ein Hotel, das von außen schlichten Chalet-Charakter vermittelt. Innen gleicht es einer Walliser High-Tech-Stube. In den Kleiderschränken wird über einen Bewegungsmelder die Beleuchtung eingeschaltet, Gardinen lassen sich per Knopfdruck vom Bett aus schließen und öffnen. Was fatal ist, denn wo immer man sich im Hotel aufhält, hat man das Gefühl, dass "die Natur durchs Fenster hereinkommt", wie Christian Seiler sagt. Theoretisch ist es möglich, mit Skiern direkt ins Bett zu schießen.

Passend zur Eröffnung der Riffelalp ist in der Schweiz vor wenigen Wochen ein Buch mit dem Titel Bauern, Bergführer, Hoteliers erschienen. Die Besprechung in der Weltwoche mit der Headline Wir Sennen mögen keine Fremden hat über die Landesgrenze hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt. In Zermatt liest man den Walliser Boten. Das besagte Buch liegt zwar im Laden aus, doch gelesen hat es hier scheinbar noch niemand. Der Autor Thomas Antonietti beschäftigt sich mit dem traditionell konfliktreichen Aufeinandertreffen der Zermatter Landbevölkerung mit dem Fremdenverkehr und dem Kapital der Fremden. Eine zentrale Rolle spielt die Familie Seiler.

Möglicherweise wäre es niemals zum Bau der Riffelalp und zum Hotelimperium Seiler gekommen, hätte Joseph Seiler, Pfarrer in Zermatt, im Februar 1848 nicht einen Brief an seinen Bruder Alexander geschrieben. Viele Fremde, hieß es darin, hätten den Wunsch geäußert, auf dem Riffelberg ein Gasthaus zu bauen. Alexander kam, sah und siegte. Er eröffnete das Grand Hotel Zermatterhof, das Monte Rosa und das Hotel Riffelalp in 2222 Meter Höhe. Das Riffelalp mit seiner famosen Aussicht aufs Matterhorn wirkte wie ein Magnet. Churchill kam, auch die Rockefellers, die Morgans und der Gründer des Schweizer Tropeninstituts, Rudolf Geigy, der hier das Leben der Schlammflorfliege Sialis studierte.

Die Zermatter haben es den Seilers nicht leicht gemacht. Beispielsweise wollten sie Alexander Seiler nicht in die Burgergemeinde aufnehmen - aus Angst, bei der Nutzung der genossenschaftlichen Alpgebiete übervorteilt zu werden. Der stete Zuwachs an Hotelbauten und das dafür jährlich nötige Bau- und Brennholz ließen keinen Zweifel aufkommen, dass auf diese Weise die Waldungen der Gemeinde in kurzen Jahren erschöpft und kahlgeschlagen würden. So werden die Zermatter zurückblickend in Bauern, Bergführer, Hoteliers zitiert. Achtzehn Jahre dauerte der Rechtsstreit, bis Alexander Seiler als Burger anerkannt wurde. Früher gipfelte die Abgrenzung der Burger gegenüber Bürgern noch in alpiner Apartheid.

Mit Red Bull Thanksgiving feiern

Zermatt ist heute eine touristische Stadt. Ihre Hauptschlagader ist die Bahnhofstraße, die an die Stuttgarter Königsstraße im Winterschlussverkauf erinnert. Schulter an Schulter schlittert die labelorientierte Skigesellschaft durch die Gasse. In den Schaufenstern liegen Kleinigkeiten von Prada, Bogner und Hilfiger, auch Uhren und Schmuck. Prominent residiert McDonald's, etwas weiter präsentiert sich das Grampi's als eine Art multikulturelles Leithaus: Hier vereint sich Schweizer Bergflair mit italienischer Küche und englischer Pub-Atmosphäre. Die Amerikaner fragen: "How big is the pizza?", und ziehen zu später Stunde in die Kneipe The Pipe, um an Stehtischen mit Red Bull Thanksgiving zu feiern. Auch Asiaten haben die Matterhornidylle entdeckt. Interessant schauen sie aus, die japanischen Visitenkarten des Tourismusdirektors Roland Imboden. In der Hochsaison teilen sich 5000 Zermatter die Stadt mit etwa 18 000 Touristen. "Unsere Kinder wachsen in einer künstlichen Welt auf", sagt Imboden. "Sie sehen Touristen, die die Sau rauslassen und Geld ausgeben. Ohne Ralph-Lauren-Pullover will kaum noch ein Kind in die Schule."