Zermatt ist chronisch verschuldet. Die Bewohner leben vom Tourismus und werden von ihm zugleich in die Kreide gerissen. Die Burgergemeinde, Eigentümerin vieler Hotels, Res-taurants und Bergbahnen, steht mit 97 Millionen Franken im Soll. Auch die politische Gemeinde ist verschuldet. Gründe für die touristische Strukturkrise sieht die Weltwoche im "Krämergeist" und "jahrzehntelangen Familienfehden". In der Tat lebt hier ein eigenwilliges Volk. Bei Lektüre des Buches wird es dem Leser jedoch nicht unsympathisch. Vater war Grandseigneur. Das erste Paar Schuhe, das er für einen Engländer putzen musste, hat ihm der Engländer wieder vor die Türe gestellt, weil er fand, das sei zu flüchtig gemacht. Vater sagte ihm, dann solle er sie selber putzen. Vater war nicht geboren zum Hoteldiener.

Solche Aussagen sind natürlich Geschichte. Und der Zermatter Krämergeist taugt als Grund kaum für das finanzielle Desaster. Das Dilemma zeigt sich darin: Seit den siebziger Jahren hat sich Zermatt gänzlich von der Landwirtschaft verabschiedet und einer touristischen Monokultur verschrieben. Die kleine Gemeinde muss eine Infrastruktur für eine große Zahl von Besuchern bereitstellen. Ständig investieren und renovieren, um im alpinen Wettbewerb konkurrieren zu können. Im Massengeschäft interessiert sich der Skitourist nicht für das Zermatter Gestern oder Morgen, sondern für Konsum, und das möglichst zum kleinen Preis. Der Konsum am Matterhorn müsste eigentlich viel teurer bezahlt werden. So gesehen unterscheidet sich Tourismus kaum vom Markt für Rindfleisch - mit dem Unterschied, dass man hier im Wallis zur Kundenbindung noch einen Trumpf aus der Tasche zieht: die traditionelle Ehrung treuer Gäste. Das Ganze passiert "unter Teilnahme der Trachtendamen". Bisher wurden zum Beispiel ein Koreaner, ein Grönländer und 2223 Deutsche geehrt. Ausgezeichnet kleinkrämerisch, ja.

Andererseits hat man sich von Traditionen verabschiedet. Etwa vom Bahnhofsgebäude aus der Jahrhundertwende samt schmucker Fassade und weltbekanntem Bahnhofsbuffet. Der Glacier-Express hält in Zermatt nun vor einem bombensicheren Betonkonstrukt. Das alte Gebäude hat der Zermatter Künstler Heinz Julen gerettet. Er hat es in vier Teile gesägt, mit Helikopter an das andere Ende der Stadt fliegen lassen und dort wieder aufgebaut. Bei den Zermatter Gemeindevätern rief das kurze Erregung hervor. Sie befürchteten, Julen wolle ein Hotel in dem alten Bahnhof eröffnen - nur weil das alte Hotelschild noch hing. Im alten Bahnhof hat Julen allerdings lediglich sein Atelier.

Ein Hotel freilich hat Heinz Julen dennoch eröffnet. Im vergangenen Februar. Edelste Hanglage. Die Presse kam selbst aus New York und London, um die Designherberge Into The Hotel mit Headlines wie High-Tech am Horn einzuweihen. Türsteher waren notwendig, um die neugierigen Touristen fern zu halten. Wie die Familie Seiler konnte Julen einen Freund für die Finanzierung gewinnen: 25 Millionen Franken investierte Alexander Schärer der Schweizer Büromöbelfirma UMS Haller. Julen übernahm die architektonische und künstlerische Leitung. Er schuf eine lichtdurchflutete Komposition aus Glas, Stahl und Holz. Eine Bar im Lastenaufzug, Betten und Sofas auf drehbaren Scheiben, die einen 360-Grad-Panoramablick ermöglichten. Eine Matterhorn-Suite, deren Glasdach sich öffnet, damit der Whirlpool mit Blick auf den Berg in den Himmel ausgefahren werden konnte.

Wie ein Menetekel erhebt sich heute ein Kran über jenem Gesamtkunstwerk. Into The Hotel ist geschlossen. Grund: eine Fehde unter Freunden. Schärer, heißt es im Ort, war stocksauer, weil die Presse ihm zu wenig Aufmerksamkeit schenkte und stattdessen Julen als charismatischen kreativen Kopf des Hauses feierte. Hinzu kam, dass Into The Hotel gewisse Anfangsmängel zeigte. Schärer hat Julen den Partnervertrag aufgekündigt. Er wirft ihm vor, nicht nach Schweizer SIA-Normen gearbeitet zu haben, was ihm allerdings schon vorher bekannt gewesen sein muss. Und was Schärer damals schätzte, lässt er nun entrümpeln. Dem Gebäude ist die Seele genommen.

Heinz Julen stellt jetzt in Zürich aus. Ein schwarzer Raum mit Porträts von 30 Personen. Alle waren an dem Projekt "Into the Hotel" beteiligt. Vor jedem der Rahmen schimmert eine Kerze. Julen hat das Projekt mit seinen Mitteln begraben, mit den Mitteln eines Künstlers. Für ihn ist es "der letzte Raum einer Vision".

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