DONNERSTAG: Elfriede Jelinek reist aus Wien an. Samstag ist Premiere ihres neuen Stückes Das Lebewohl. Seit zwei Monaten probieren die Regisseurin Ulrike Ottinger und 13 Männer - keine Frau - rund um die Uhr. Heute ist Fotoprobe: Journalisten und Fotografen werfen einen ersten Blick auf die Arbeit. Da Elfriede Jelinek ihre Stücke in Österreich nicht mehr aufführen lässt - aus Protest gegen Haider -, sind die österreichischen Medien komplett anwesend. Statt Zuschauern: nur Fernsehkameras und Fotoapparate! Elfriede Jelinek sitzt im ersten Rang. Das ganze Theater fiebert. Die Uraufführung im Berliner Ensemble ist ein Politikum. Abends gehen Elfriede Jelinek und ich essen. Berlin Mitte. Keine Salzburger Nockerln!

Am FREITAG treffe ich den Autor und Übersetzer Thomas Brasch in seiner Wohnung überm Ganymed. Der erste Akt seiner Neuübersetzung von Shakespeares Maß für Maß liegt vor. Schon im Februar will ich mit den Proben beginnen.

Nervosität auf beiden Seiten. Abends Voraufführung vom Lebewohl. Der erste Test vor Publikum ... Gespräche bis in die Nacht. Im Haus ist auch der Regisseur Einar Schleef. Er probiert die nächste Uraufführung eines Jelinek-Textes.

SAMSTAG: Thomas Bernhard: Premieren sind unerträgliche Verhöhnungen der Kunst. Ich bin um sieben schon auf den Beinen und zelebriere meinen täglichen Obstsalat. Eine Art Meditation - und das Ergebnis heute Michelin-verdächtig. Danach eine halbe Stunde Jogging durch den Schlosspark Niederschönhausen.

Nachmittags: Die Spannung steigt. Gewisses Gefühl der Leere. Man kann nichts mehr tun, les jeux son faits. Abends im Berliner Ensemble: Die Regisseurin zittert, die Schauspieler zittern, das ganze Theater zittert - und ich zittere mit: Der Kopf in der Schlinge ist immer auch der des Direktors ...

Dann Premierenfeier. Viele Gäste aus Wien sind gekommen - das Weanerische dominiert eindeutig. Sollten die Berliner Nörgler Recht behalten? Wird das Berliner Ensemble zur Burg im Exil? Egal! Im Prinzip hasse ich alle Premierenfeiern. Nirgendwo wird mehr gelogen.

SONNTAG: Mit dem Fahrrad auf der Suche nach einem neuen Domizil im Grünen.