Gegen Abend ging ich zu Goethe. Ich fand im Salon eine ziemlich große Gesellschaft, die des noch nicht sichtbar gewordenen Herrn Geheimerats wartete. Da sich darunter - und das waren eben die Gäste, die Goethe mittags bei sich hatte - ein Hofrat Jakob oder Jakobs mit seiner ebenso jungen als schönen und ebenso schönen als gebildeten Tochter befand, derselben die sich später unter dem Namen Talvj einen literarischen Ruf gemacht hat, so verlor sich bald meine Bangigkeit und ich vergaß im Gespräche mit dem liebenswürdigen Mädchen beinahe, daß ich bei Goethe war. Endlich öfnete sich eine Seitentüre und er selbst trat ein. Schwarzgekleidet, den Ordensstern auf der Brust, gerader, beinahe steifer Haltung, trat er unter uns wie ein Audienz gebender Monarch. Er sprach mit diesem und jennem ein paar Worte und kam endlich auch zu mir, der ich an der entgegengesetzten Seite des Zimmers stand. Er fragte mich, ob bei uns die italienische Literatur sehr betrieben werde? Ich sagte ihm der Wahrheit gemäß, die italienische Sprache sei allerdings sehr verbreitet, da alle Angestellten sie vorschriftsmäßig erlernen müßten. Die italienische Literatur dagegen werde völlig vernachlässigt und man wende sich aus Modeton viel mehr der englischen zu, welche bei aller Vortrefflichkeit, doch eine Beimischung von Derbheit habe, die für den gegenwärtigen Zustand der deutschen Kultur, vornehmlich der poetischen, mir nichts weniger als förderlich erscheine. Ob ihm diese meine Äußerung gefallen habe oder nicht, kann ich nicht wissen, glaube aber fast letzteres. Er entfernte sich von mir, sprach mit andern, kam wieder zu mir zurück, redete, ich weiß nicht mehr von was, entfernte sich endlich und wir waren entlassen. Ich gestehe, daß ich mit einer höchst unangenehmen Empfindung in mein Gasthaus zurückkehrte. Nicht als wäre meine Eitelkeit beleidigt gewesen. Goethe hatte mich im Gegenteile freundlicher und aufmerksamer behandelt, als ich voraussetzte. Aber das Ideal meiner Jugend, den Dichter des Faust, Clavigo und Egmont als steifen Minister zu sehen, der seinen Gästen den Tee gesegnete, ließ mich aus allen Himmeln herabfallen.

Wenn er mir Grobheiten gesagt und mich zur Tür hinausgeworfen hätte, wäre es mir fast lieber gewesen. Ich bereute fast, nach Weimar gegangen zu sein.

Der Enttäuschte wollte sich jetzt aber noch Weimar ansehen und bestellte sich schon Pferde für die Abreise. Da begegnete ihm noch mal Kanzler Müller, der meine Herabstimmung bemerkt haben mochte und mir versicherte, die Steifheit Goethes sei nichts als eigene Verlegenheit sooft er mit einem Fremden das erste Mal zusammentreffe. Und dann brachte der Kellner eine Karte mit der Einladung zum Mittagsmahl bei Goethe für den nächsten Tag. Ich mußte daher meinen Aufenthalt verlängern und bestellte die Pferde ab. Endlich kam der verhängnisvolle Tag mit seiner Mittagsstunde und ich ging zu Goethe. Die außer mir geladenen Gäste waren schon versammelt, und zwar ausschließlich Herren. Als ich im Zimmer vorschritt kam mir Goethe entgegen und war so liebenswürdig und warm, als er neulich kalt und steif gewesen war. Das Innerste meines Wesens begann sich zu bewegen. Als es aber zu Tische ging und der Mann, der mir die Verkörperung der deutschen Poesie, der mir in der Entfernung und dem unermeßlichen Abstand beinahe zu einer mythischen Person geworden war, meine Hand ergriff um mich ins Speisezimmer zu führen, da kam einmal wieder der Knabe in mir zum Vorschein, und ich brach in Tränen aus.

Goethe gab sich alle Mühe um meine Albernheit zu maskieren. Ich saß bei Tisch an seiner Seite und er war so heiter und gesprächich, als man ihn, nach späterer Versicherung der Gäste, seit langem nicht gesehen hatte.

An einem der nächsten Tage forderte mich Kanzler Müller auf, gegen Abend Goethe zu besuchen. Ich würde ihn allein treffen. Nun begab sich meine zweite weimarische Dummheit. Ich fürchtete mich mit Goethe einen ganzen Abend allein zu sein, und ging, nach manchem Wanken und Schwanken, nicht hin. Mir schien in dem ganzen Bereich meines Wissens nichts was würdig gewesen wäre, Goethen gegenüber vorgebracht zu werden ... Wie nun immer, ich ging nicht hin, und das hat Goethen verstimmt ... Als ich am vierten Tage von ihm Abschied nahm war er freundlich aber abgekühlt ... und sagte, wenn ich später von mir Nachricht geben wolle, es sie sämtlich erfreuen werde. Also >sie< in vielfacher Zahl, nicht ihn. Er ist mir auch in der Folge nicht gerecht geworden, insofern ich mich nämlich denn doch, trotz allem Abstande, für den Besten halte, der nach ihm und Schiller gekommen ist.

Wer war's?

Auflösung aus Nr. 49: