Im berühmtesten aller Verbrüderungstexte steht ein Satz, der an Herzlosigkeit kaum zu überbieten ist. Denn "an die Freude" darf sich in Schillers gleichnamiger Ode nicht jeder wenden. Wer kein "Weib errungen" hat und auch sonst keine Seele fand, "der stehle weinend sich aus diesem Bund", von dem wollen die Jubler nichts wissen.

Den einsamen Beethoven hat diese Stelle nachdenklich gemacht, als er sie in seiner neunten Sinfonie vertonte. Er dämpfte den Hymnus des Chores so, dass bei "weinend" ein Piano erreicht ist. Man hört es selten. Und noch nie hat man es auch als Ausdruck gehört, empfindsam artikuliert als Innehalten im Jubel.

Das ist eine der vielen Stellen, an denen die besondere Qualität einer Aufnahme deutlich wird, die Joos van Immerseel und sein Ensemble Anima Eterna in Antwerpen gemacht haben (Sony Classical 61800). Ungewöhnlich daran ist nicht die Verwendung von Instrumenten, wie sie zu Beethovens Zeit benutzt wurden, sondern die Sensibilität. Wer etwa nach John Eliot Gardiners Neunter hört, was Immerseel mit dem Bekenntniswerk macht, erlebt einen Gegenentwurf.

Der Brite hatte 1992 einen aggressiven, beißenden Beethoven eingespielt. Da musste vielleicht noch bewiesen werden, dass man auch auf Darmsaiten schnell und laut spielen kann. Immerseel entdeckt jetzt feinere Farben und Gefühle.

Die Quinten des Anfangs haben eine Weite und Ruhe, als könnte es ewig so weitergehen. In dieser Versenkung wird um so deutlicher, wie sich Klangfarben ändern, wie delikat die oberen Holzbläser hinzugefügt werden - und wie erschreckend das Auftauchen des Dramatischen ist. Umgekehrt erscheinen mitten im Drängen stille kleine Inseln.

Es sind Schutzgebiete des Glücks wie die vier Takte, in denen weiter nichts geschieht, als dass die Geigen über den leisen Rhythmen der tiefen Streicher zwei Quarten spielen - was die meisten Dirigenten nicht so wichtig nehmen.

Vielleicht hilft hier auch, dass Immerseel, der belgische Cembalist, weniger als Chef denn als Partner dirigiert.