Manchmal lohnt es, die Bild-Zeitung genau zu lesen. Anfang September zum Beispiel, als in Frankreich das Transportgewerbe auf die Barrikaden ging und Bild in Deutschland die "Benzinwut"-Kampagne anheizte, da wurde hinten im Blatt auf der Autoseite ein Kleinwagen namens Ka vorgestellt. Der Testpilot war sehr angetan. "Du saust durch die Stadt", schwärmte er, und "beim Ampelstart bist du einer der Flottesten." An der Tankstelle, leider, leider, wurde es teuer, denn der kleine Ka entpuppte sich als wahrer Spritfresser - "aber kaum hast du bezahlt, denkst du nicht mehr dran und düst wieder los".

Nein, der Spritpreis hat in Deutschland noch niemanden ins Unglück gestürzt, am wenigsten die Fernpendler, um deren Wohl sich die rot-grüne Bundesregierung dieser Tage so besorgt zeigt. Schon Mitte der Neunziger hatte das Münchner ifo-Institut vorgerechnet, wie Arbeitnehmer, wenn sie nur weit genug von ihrem Arbeitsplatz entfernt wohnen, am Steuer ein hübsches kleines Zusatzeinkommen erzielen können: Die Kilometerpauschale macht es möglich. Wer täglich große Strecken mit einem sparsamen Wagen zurücklegt, der könne "eventuell mehr Kosten geltend machen als insgesamt anfallen", stellten die Münchner Wirtschaftswissenschaftler fest.

Daran hat sich auch durch die vergleichsweise hohen Benzinkosten des vergangenen Jahres nichts geändert, wie eine aktuelle Rechnung der Auto-Fachzeitschrift mot zeigt. Wer im Jahr als Fernpendler (Freizeit und Urlaub inklusive) 50 000 Kilometer am Steuer zurücklegt, braucht noch nicht einmal einen sonderlich sparsamen Wagen, um sich auf Kosten der Steuerzahler zu bereichern. Ein Allerwelts-Golf mit 75 PS tut es auch. Mot ermittelte für diesen Wagentyp einen Fahrpreis von 30 Pfennig je Kilometer, wobei Anschaffung, Reparaturen, Wertverlust, Vollkasko-Versicherung, Steuern und so weiter bereits berücksichtigt sind. 70 Pfennig je Kilometer Arbeitsweg, also 35 Pfennig pro gefahrenen Kilometer, kann der glückliche Golf-Fahrer auch jetzt schon ganz legal beim Finanzamt abrechnen. "Insgesamt stellt dies einen Einkommenstransfer von den allgemeinen Steuerzahlern zu den Kfz-Haltern unter den Steuerzahlern dar", fasste das ifo-Institut den Sachverhalt trocken zusammen - wenn wundert es da, dass der Generation Golf der Sinn nicht nach Protest steht.

Aber das ist längst nicht alles. Viel fataler als diese Begünstigung der Fernpendler wirkt sich die eigenartige Umkehr der Beweislast zugunsten der Autofahrer aus. Wer sein Arbeitszimmer von der Steuer absetzen will, muss belegen, dass er es nicht privat nutzt

wer bei der Arbeit vorzeigbare Kleidung braucht, muss sie aus versteuertem Gehalt bezahlen, weil der Nachweis, dass der gute Anzug nach Feierabend im Schrank bleibt, nie zu führen wäre. Beim Auto hingegen tut der Staat wie selbstverständlich so, als sei es allein für den Arbeitsweg angeschafft worden. Wer auf seinen Wagen so oder so nicht verzichten würde, der verdient sich schon auf dem Weg zur Arbeit ein zweites Gehalt. Die so genannten variablen Kosten für Betrieb und Reparaturen liegen für praktisch jeden Wagentyp weit unter der Kilometerpauschale. Selbst Porsche-Fahrer machen noch Gewinn - und wer, sagen wir, im Dreiliter-Lupo unterwegs ist, der kann pro Kilometer mehr als 20 Pfennig seines Einkommens steuerfrei einstreichen.

So fördert der Staat die Zersiedelung der Landschaft - wer in der Stadt bleibt und hohe Mieten in Kauf nimmt, nur um eingezwängt zwischen Hauptstraßen das Dasein des Verkehrsinselbewohners zu führen, der muss auch noch für die stinkende Blechmasse vor seiner Haustür bezahlen.

In Zukunft, so wollen es vor allem die Grünen, werden auch Bahnfahrer kassieren können. Dabei verbrauchen auch sie Energie und erzeugen Lärm. Der Wahnwitz, dass Umweltschützer stolz darauf sind, den Verbrauch von Ressourcen zu subventionieren, wird nur noch von der Absurdität übertroffen, die darin liegt, dass sie Recht haben: Wer auf Staatskosten Bahn fährt, schadet der Umwelt und seinen Mitmenschen alles in allem weniger als ein subventionierter Autofahrer.