Noch ein Buch zur Reaktion? Das Wort sagt uns doch längst nichts mehr! In den ideologischen Konfrontationen zweier Jahrhunderte ist der Antagonismus von Fortschritt und Reaktion so weit ausgeleiert, dass er geradezu beliebig wirken mag: allgegenwärtig, aber unspezifisch. Am Ende solch semantischer Inflation taugt dann die "Reaktion" nur noch als rhetorische Volte.

Der Genfer Psychoanalytiker und Geisteshistoriker Jean Starobinski benennt drei Varianten: den polemischen Angriff, die therapeutische Defensive, die emphatische Konklusion. Erstens ist nach dem Zerfall des europäischen Kommunismus der aus den Nachwehen der großen Französischen Revolution stammende Vorwurf, "reaktionär" zu sein, in politischen Auseinandersetzungen gerade noch als polemisches Kleingeld verwendbar. Nur im Hintergrund dämmert manchem, dass damit auch einmal eine hochkarätige Geschichtsphilosophie des Fortschritts verbunden war.

Poesie und Vernunft verständigen sich

Recht verbreitet ist zweitens der Hinweis, bei diesem oder jenem beklagenswerten Verhalten handele es sich doch um eine gewissermaßen verständliche Reaktion auf widrige soziale Umstände oder grausame historische Erfahrungen. Und damit verbindet sich dann zumeist das Ansinnen einer Entschuldung der Akteure, der Auslagerung ihrer moralischen Verantwortung: Der junge Gewalttäter reagierte nur auf seine zerrüttete Umwelt

der Nationalsozialismus war schließlich eine Reaktion auf den bolschewistischen Terror.

Wenn wir nicht zulassen wollen, dass alles weiter im Sande verläuft oder bergab rutscht wie bisher, dann erschallt drittens, draußen im Lande oder drinnen in unserem Gewissen, der Ruf nach einem "Ruck": Reißen wir uns zusammen - il faut réagir! Wogegen? Gegen bloße Routine, blutleere Lethargie, wider mangelnden Willen, fehlende Energie zur Aktion.

Mit dieser Schwundstufe einer dereinst für die epistemische wie existenzielle Geschichte der westlichen Moderne so zentralen Gestalt, des Widerspiels der Interaktionen, von Wirkung und Gegenwirkung, Stimulus und Response, klingt Jean Starobinskis jüngstes Buch Action et Réaction aus.