Brandts Erbe

Hierzulande war es sofort das Bild. Es würde in die Geschichtsbücher eingehen, keine Sekunde hätte man daran gezweifelt, auch wenn es der schweigenden Mehrheit missbehagte. Es war ein Moment, "in dem uns der Atem stockte", hat Gerhard Schröder sich in Warschau soeben zurückerinnert. In Warschau selber, in volkspolnischen Zeiten, ist es hingegen nur sehr ungern veröffentlicht worden. Ende der siebziger Jahre schnitt die Zensur das Foto obendrein auch noch so zurecht, dass die Beine nicht zu sehen waren.

Willy Brandt, erinnert sich der polnische Publizist Adam Krzemi°ski, habe aus Sicht der polnischen Machthaber vor dem "falschen" Denkmal gekniet, das den Helden des Warschauer Ghetto-Aufstandes gewidmet war. Seine Landsleute kamen mit sich, mit ihrer Regierung und mit diesem Brandt irgendwie nicht richtig zurecht. Brandt und sein Kniefall: Mit dem ungewöhnlichen Schritt, jetzt einen öffentlichen Platz nur ein paar Schritte vom Ghetto-Mahnmal entfernt nach dem Deutschen zu benennen, wird auch ein versöhnlicher Schlussstrich unter eine komplizierte Geschichte gezogen.

Der Satz, mit dem sich Schröder in Warschau an diesem dreißigsten Jahrestag des Vertrags selbst verpflichtete, fällt unzweideutig aus - und keineswegs als Floskel: "Wir wollen, dass Polen und andere mittel- und osteuropäische Reformstaaten so rasch wie möglich Mitglied der Europäischen Union werden.

Und nehmen Sie es als politische Festlegung Deutschlands: Nach Auffassung des deutschen Bundeskanzlers wird Polen unter den ersten sein, die der EU beitreten." Die Geschichte hat Brandt Recht gegeben, so der Kanzler vor dem Sejm.

Auch für ihn, erinnert sich sein Außenminister, habe Brandt ein anderes Deutschland verkörpert, das nicht aggressiv und hegemonial, sondern ehrlich im Umgang mit seiner Geschichte ist, während viele "Vaterlandsverrat" riefen.

"Das ist der Grund, deswegen bin ich politisch geworden, zum Linksradikalen, zum Staatsfeind." Hat diese Generation von Schröder und Fischer Polen zu einem ihrer Lebensthemen gemacht? Das wohl nicht, auch wenn beide heute fast wortgleich von "Polens Freiheit als Indikator für die Freiheit Deutschlands und Europas" oder "Fieberthermometer Polen für die europäische Freiheitstemperatur" sprechen. Lange hing Schröder nach, dass er sich zur deutschen Einheit nicht begeistert genug einließ. Von solcher Befangenheit ist nichts zu spüren, wenn er - wie gerade in Warschau - davon spricht, die europäische Integration "zielte von Beginn an auf das ganze Europa, jetzt wird diese Vision Wirklichkeit".

Die SPD erschien Widerständigen verdächtig Moskau-nah

Brandts Erbe

"Das Thema von 1968 war sehr stark Deutschland selbst", räumt Fischer im Gespräch ein. Wenn man sich mit Deutschland beschäftigte, stieß man auf diese Schuld, "und da man das allein nicht aushalten konnte, wurde sehr schnell klar, dass dieses Deutschland in Europa gedacht werden muss". Ostpolitik und Demokratie, das war ein Paket.

Für Polen, schon gar für Solidarnoc, war es das nicht. Die SPD erschien den Widerständigen verdächtig Moskau-nah, verdächtig oppositionsfern natürlich auch. Hat die Ostpolitik mehr "Wandel" der sowjetischen Politik oder mehr "Annäherung" an die kommunistischen Machthaber gebracht, "auf Kosten der entstehenden demokratischen Opposition"? Auf diese Frage gebe es keine eindeutige Antwort, sagt Adam Krzemi°ski. Und das wiederum machte Kohl zum strahlenden Nutznießer.

Gerhard Schröder ist gut beraten, sich mit diesem Aspekt offensiv auseinander zu setzen. Wegen des verdrucksten, verlegenen Umgangs der SPD mit ihrer Geschichte kam das Gespräch der verantwortlichen Generationen in Polen und Deutschland nur schwerfällig in Gang. Er räume ein, so Schröder, "dass die Art und Weise, wie manche deutsche Politiker, auch manche Sozialdemokraten, in jener Zeit das Festhalten am Ziel der Stabilität betont haben, der geschichtlichen Bedeutung des polnischen Freiheitskampfes nicht gerecht wurde". Die polnische Freiheitsrevolution habe den "Kontinent verändert" und die "deutsche Einheit mit ermöglicht".

Allerdings erinnert Schröder auch mit gutem Grund an das andere Argument: Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit wäre "ohne die Ostverträge nie zustande gekommen". Und: Zu Besorgnissen habe es wegen verschärfter Spannungen zwischen den Blöcken auch Anlass gegeben, möglicherweise mit besonderen Rückwirkungen für die beiden deutschen Staaten.

Über diese sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen von Kniefall und Ostpolitik lässt sich heute entspannt sprechen. Vorbei ist auch die Anfangsstotterei, die den Eindruck erweckte, die Neuen wollten mit verblüffender Unbefangenheit die eigene Geschichte vergessen. Schröder lernt. Die "ruhende Kraft" in Europa will Berlin sein. Ein großes Wort, aber besser als einige seiner früheren Europakommentare.

Polen steht für Schröder vorn, aber nicht im Vordergrund

Für unsereinen in Warschau oder Prag, schrieb Adam Krzemi°ski kürzlich allerdings dieser lernenden Politikergeneration und überhaupt allen ins Stammbuch, sei es eine Labsal zu lesen, dass das reiche, oft abgestumpfte Westeuropa den Beitritt dieser Länder zu seiner "selbstvergessenen Versorgungsgemeinschaft" (Dirk Schümer) gar nicht verdient habe. "Doch wir werden, noch die blaue Fahne schwenkend, auf dem Ball erscheinen - und dann wehe den bisherigen Europa-Autisten."

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Auf die Weise fällt Aleksander Kwaniewski nicht mit der Tür ins Haus. Der polnische Präsident, der die gleiche Generation repräsentiert, hat in einem Beitrag für die FAZ kürzlich Joschka Fischer ausdrücklich für seine Rede zur "Finalität" gelobt. Ihm sei zu danken, dass es in der "heutigen Diskussion über die Zukunft Europas kein Tabu mehr" gebe. Was aber auch unmissverständlich hieß: Jeder spielt vor dem historisch-kulturellen Hintergrund seine eigene Rolle. Die Feststellung Kwaniewskis folgte prompt, der nationale "Demos" bleibe die höchste Quelle des demokratischen Mandats.

Das aber diene "der Stärkung und nicht der Schwächung der europäischen Integration".

Da ist, teils offen, teils durch die Blume, ein Disput im Gang, in dem sich die Nach-Weizsäcker-, Nach-Brandt-, Nach-Kohl-Generation Europa aus pragmatischer und interessenbewusster Position heraus streitet - ohne die Vergangenheit schlicht zu historisieren. So ist weder Schröder im Sejm noch Fischer zu verstehen. Es muss ein Dissens im großen Konsens möglich sein. Das alles ist eben aus dem Kniefall geworden.

Anders als für Brandt aus lebensgeschichtlichen Gründen steht Polen für Schröder wie Fischer zwar weit vorn, aber nicht im Vordergrund. Immerhin: Sie denken Warschau und Nizza mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zusammen, auch wenn das noch nicht die Skizze einer eigenen Ostpolitik ist. Im Grunde genommen habe Deutschland das gesamte 20. Jahrhundert hindurch Polen als Nachbarn auf dramatische Weise kennen gelernt, fasst Adam Krzemi°ski eine lange Geschichte ganz kurz. Zuerst habe es Polen ignoriert, "dann wollte es aus ihm seinen Vasallen machen, danach vernichten, und nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte Deutschland lange, um sich mit den neuen Realitäten abzufinden". Und immer war der Prüfstein die Akzeptanz der deutsch-polnischen Grenze.

Erst musste die Einheit gesichert sein, dann konnte die Grenze anerkannt werden, schreibt Kohl in seinem Tagebuch. Kurz: Anerkennung erst, als er musste. Doch jetzt scheint etwas Neues zu entstehen. Polen wird, wenn man Schröder und Fischer richtig versteht, noch einmal anerkannt: weil man es will. Europa, sagt Fischer, werde nicht grenzenlos, aber es werde ein "politisches Subjekt", sonst funktioniere es nicht. An der Grundrechtscharta wird formuliert. Die Konturen einer europäischen Verfassung sind absehbar.

Der letzte DM-Haushalt, sagt Fischer, ist soeben verabschiedet worden vom nationalen Parlament, und niemand hat sonderlich Notiz davon genommen. Jetzt könne man also praktisch die "erste postnationale Erfahrung" sammeln.

Europaschwärmerei bei Rot-Grün? Nein, so klingt es wahrlich nicht. Bloß könne man den Kuchen nicht essen und doch behalten wollen, sagt Fischer. Die frühzeitige Integration Polens in die europäischen Strukturen, wägt Schröder in Warschau ab, sei "unser zeitgemäßer und wichtigster gemeinsamer Auftrag".

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Um dann über Polens Rolle an der Grenze zum Osten zu räsonieren - mit Verweis auf die "handfesten Vorteile" der erweiterten Union für alle.

Das also ist aus dem Kniefall geworden. Aus dem Bild, das den Atem raubte oder das Feindbild verschärfte. Ist das vereinigte Europa das "Projekt" dieser Generation? Oder ist das Wort zu groß, die Erschöpfung schon jetzt sichtbar? Beides könnte zutreffen. Aber etwas von einem belastbaren Generationenkonsens entdeckt man doch.

Schröder hat auch im Sejm klargemacht, dass er die Ängste und Ressentiments, Brüssel und das große Europa betreffend, verstehe. Auch die polnischen Ängste davor, die Souveränität zu teilen, die man sich erkämpft hat. Einerseits.

Andererseits Fischer: Entweder bleibe der souveräne Nationalstaat, womit man sich freilich im 21. Jahrhundert sehr schwer tun werde. Oder die Souveränität werde zwischen Nationalstaat und Brüssel geteilt, "das muss in demokratischer Verfasstheit geschehen, und es muss demokratisch legitimiert sein. Ein Drittes gibt es nicht. Gleichklang mit Schröder? Ja! Und denken seine europäischen Kollegen ähnlich? In diesem Kreis, erwidert Joschka Fischer, spiele er "die Flöte".