"Das Thema von 1968 war sehr stark Deutschland selbst", räumt Fischer im Gespräch ein. Wenn man sich mit Deutschland beschäftigte, stieß man auf diese Schuld, "und da man das allein nicht aushalten konnte, wurde sehr schnell klar, dass dieses Deutschland in Europa gedacht werden muss". Ostpolitik und Demokratie, das war ein Paket.

Für Polen, schon gar für Solidarnoc, war es das nicht. Die SPD erschien den Widerständigen verdächtig Moskau-nah, verdächtig oppositionsfern natürlich auch. Hat die Ostpolitik mehr "Wandel" der sowjetischen Politik oder mehr "Annäherung" an die kommunistischen Machthaber gebracht, "auf Kosten der entstehenden demokratischen Opposition"? Auf diese Frage gebe es keine eindeutige Antwort, sagt Adam Krzemi°ski. Und das wiederum machte Kohl zum strahlenden Nutznießer.

Gerhard Schröder ist gut beraten, sich mit diesem Aspekt offensiv auseinander zu setzen. Wegen des verdrucksten, verlegenen Umgangs der SPD mit ihrer Geschichte kam das Gespräch der verantwortlichen Generationen in Polen und Deutschland nur schwerfällig in Gang. Er räume ein, so Schröder, "dass die Art und Weise, wie manche deutsche Politiker, auch manche Sozialdemokraten, in jener Zeit das Festhalten am Ziel der Stabilität betont haben, der geschichtlichen Bedeutung des polnischen Freiheitskampfes nicht gerecht wurde". Die polnische Freiheitsrevolution habe den "Kontinent verändert" und die "deutsche Einheit mit ermöglicht".

Allerdings erinnert Schröder auch mit gutem Grund an das andere Argument: Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit wäre "ohne die Ostverträge nie zustande gekommen". Und: Zu Besorgnissen habe es wegen verschärfter Spannungen zwischen den Blöcken auch Anlass gegeben, möglicherweise mit besonderen Rückwirkungen für die beiden deutschen Staaten.

Über diese sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen von Kniefall und Ostpolitik lässt sich heute entspannt sprechen. Vorbei ist auch die Anfangsstotterei, die den Eindruck erweckte, die Neuen wollten mit verblüffender Unbefangenheit die eigene Geschichte vergessen. Schröder lernt. Die "ruhende Kraft" in Europa will Berlin sein. Ein großes Wort, aber besser als einige seiner früheren Europakommentare.

Polen steht für Schröder vorn, aber nicht im Vordergrund

Für unsereinen in Warschau oder Prag, schrieb Adam Krzemi°ski kürzlich allerdings dieser lernenden Politikergeneration und überhaupt allen ins Stammbuch, sei es eine Labsal zu lesen, dass das reiche, oft abgestumpfte Westeuropa den Beitritt dieser Länder zu seiner "selbstvergessenen Versorgungsgemeinschaft" (Dirk Schümer) gar nicht verdient habe. "Doch wir werden, noch die blaue Fahne schwenkend, auf dem Ball erscheinen - und dann wehe den bisherigen Europa-Autisten."