Auf die Weise fällt Aleksander Kwaniewski nicht mit der Tür ins Haus. Der polnische Präsident, der die gleiche Generation repräsentiert, hat in einem Beitrag für die FAZ kürzlich Joschka Fischer ausdrücklich für seine Rede zur "Finalität" gelobt. Ihm sei zu danken, dass es in der "heutigen Diskussion über die Zukunft Europas kein Tabu mehr" gebe. Was aber auch unmissverständlich hieß: Jeder spielt vor dem historisch-kulturellen Hintergrund seine eigene Rolle. Die Feststellung Kwaniewskis folgte prompt, der nationale "Demos" bleibe die höchste Quelle des demokratischen Mandats.

Das aber diene "der Stärkung und nicht der Schwächung der europäischen Integration".

Da ist, teils offen, teils durch die Blume, ein Disput im Gang, in dem sich die Nach-Weizsäcker-, Nach-Brandt-, Nach-Kohl-Generation Europa aus pragmatischer und interessenbewusster Position heraus streitet - ohne die Vergangenheit schlicht zu historisieren. So ist weder Schröder im Sejm noch Fischer zu verstehen. Es muss ein Dissens im großen Konsens möglich sein. Das alles ist eben aus dem Kniefall geworden.

Anders als für Brandt aus lebensgeschichtlichen Gründen steht Polen für Schröder wie Fischer zwar weit vorn, aber nicht im Vordergrund. Immerhin: Sie denken Warschau und Nizza mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zusammen, auch wenn das noch nicht die Skizze einer eigenen Ostpolitik ist. Im Grunde genommen habe Deutschland das gesamte 20. Jahrhundert hindurch Polen als Nachbarn auf dramatische Weise kennen gelernt, fasst Adam Krzemi°ski eine lange Geschichte ganz kurz. Zuerst habe es Polen ignoriert, "dann wollte es aus ihm seinen Vasallen machen, danach vernichten, und nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte Deutschland lange, um sich mit den neuen Realitäten abzufinden". Und immer war der Prüfstein die Akzeptanz der deutsch-polnischen Grenze.

Erst musste die Einheit gesichert sein, dann konnte die Grenze anerkannt werden, schreibt Kohl in seinem Tagebuch. Kurz: Anerkennung erst, als er musste. Doch jetzt scheint etwas Neues zu entstehen. Polen wird, wenn man Schröder und Fischer richtig versteht, noch einmal anerkannt: weil man es will. Europa, sagt Fischer, werde nicht grenzenlos, aber es werde ein "politisches Subjekt", sonst funktioniere es nicht. An der Grundrechtscharta wird formuliert. Die Konturen einer europäischen Verfassung sind absehbar.

Der letzte DM-Haushalt, sagt Fischer, ist soeben verabschiedet worden vom nationalen Parlament, und niemand hat sonderlich Notiz davon genommen. Jetzt könne man also praktisch die "erste postnationale Erfahrung" sammeln.

Europaschwärmerei bei Rot-Grün? Nein, so klingt es wahrlich nicht. Bloß könne man den Kuchen nicht essen und doch behalten wollen, sagt Fischer. Die frühzeitige Integration Polens in die europäischen Strukturen, wägt Schröder in Warschau ab, sei "unser zeitgemäßer und wichtigster gemeinsamer Auftrag".