Peking

Punk in Peking: "Du Arschloch, Arschloch bist nicht mein Baby!", faucht eine freche Frauenstimme über das tobende Glatzkopfpublikum der Szenebar. Vier zarte Mädchen, keines größer als 1,55 Meter, keines schwerer als 45 Kilo, spielen für einen wilden Haufen schwitzender Männer. Yi Lina und Shi Ling sind 21 Jahre, Yang Fan und Wang Yue 18 Jahre alt. Zusammen nennen sich die Schulfreundinnen Hängen auf der Kiste - Pekings erste Punk-Frauenband.

Yi Lina im Schottenrock schaut durch eine schmale, rotbeglaste Sonnenbrille, um Shi Lings schmale Hüften schlackert ein weiter Jeansoverall, Yang Fan hat sich die kringeligen Haare bunt gefärbt und Wang Yue trägt ein T-Shirt der japanischen Frauenrockgruppe Lolita No. 18. Trotzdem wollen die vier nichts Besonderes sein. "Keine von uns sieht außergewöhnlich gut aus. Jede von uns lebt noch bei den Eltern." Pekings Punk-Prinzessinnen tun ganz normal.

"Jeder, der will, kann sich heute so ausdrücken wie wir." Ganz unaffektiert stellen die Mädchen ihr Ungestüm zur Schau. Ihr ungetrübtes Selbstbewusstsein demonstriert den Aufbruchswillen einer neuen Generation.

Im Westen mögen viele die chinesische Jugend noch im kommunistischen Käfig wähnen. In China aber fühlt sich die Jugend im Jahr 2000 freier als alle Generationen vor ihr.

Das macht die dritte Jugendbewegung in 51 Jahren Volksrepublik so spannend: Die roten Garden der Kulturrevolution gehorchten noch dem großen Steuermann, der sie jederzeit zurückpfeifen konnte. Die Studenten der Demokratiebewegung von 1989 besetzten den Platz des Himmlischen Friedens noch im Kollektiv, das die Partei mit ihren Panzern jederzeit zerschlagen konnte. Die Jugend 2000 aber kann kein Parteiappell und kein Panzerverband mehr stoppen. "Wir werden nie vergessen", schreit das Punk-Mädchen Yi mit gefletschten Zähnen ins Mikrofon, "dass chinesische Mädchen keine braven Puppen sind."

Mode, Musik und Mätzchen begründen eine neue Lebensweise. Der "Tanz ums goldene Selbst", von dem der deutsche Soziologe Ulrich Beck spricht, hat mit dem neuen Jahrhundert auch in China begonnen. Denn wo ist die Ego-Gesellschaft verlockender als im Land der größten Volksmassen? Wo sind Individualisierung und Selbstentfaltung attraktiver als nach 51 Jahren Solipropaganda und Einparteiendiktatur? Die Jugend sucht ihre Freiheit dort, wo die Aufsicht der Partei versagt: in der sexuellen Emanzipation, in den Moden und Trends der aufblühenden Marktwirtschaft und im Internet.