Neulich, wir sind vertieft in die Plakatwerbung, quietscht eine Elektrische um die Ecke und erinnert uns an die sandige Kreide, mit der unser seliger Stilistikdozent jedem Proseminaristen ins Poesiealbum schrieb: "Es kann durchaus zur Qualität eines Textes beitragen, wenn nicht alles, was verstanden werden soll, auch ausgesprochen wird." In endlosen Psycholinguistikvorlesungen haben wir später Vertrauen zu den Textlöchern gefasst und gelernt, wieso man unvollständige Äußerungen komplett versteht.

Jetzt macht sich jedoch wieder Unsicherheit breit. Dubidodo! Lidumino? brüllt uns die Bild-Zeitung entgegen.

Das Kurzwort war ein lexikologisches Phänomen des 20. Jahrhunderts, nun läuten die tapfersten Sprachökonomen der Republik die Ära des Kurzsatzes ein.

Wir glauben aber nicht an eine dadaistische Reminiszenz im Gewand der SMS-Aktion, sondern daran, dass hier endlich die Moderne überwunden werden soll. Alte Zweifel am Erkenntniswert der Sprache ersetzt man durch schieres Desinteresse an Erkenntnis. Die Welt zerfällt - wir machen mit. Philosophie?

Erkenntnistheorie? Waddehaddedudeda! Bald wird Bild uns von der Agrafie in Aphasie stürzen, und im Endstadium der Aphrodisie zerrt Stefan Raab dann seinen seligen Stilkundelehrer G. F. W. Hegel vor das neue H & M-Plakat, von dem ein entzückend sparsam verpackter Weihnachtsengel herabstrahlt, und fragt: Willste immer noch behaupten, Sprache sei der Leib des Denkens?

"Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort", hat Rilke gejammert, und Hofmannsthal knüpfte seine Sprachskepsis an die Warnung vor den idola fori, den Trugbildern des Marktes. Wir wissen, wer mittlerweile tot ist - der Markt jedenfalls nicht. Bauernregel: Im Elend stirbt der Alchimiste, der Dumme findet Gold im Miste. Trotzdem hat uns die Löffelsprache besser gefallen als das Bild-Gebrabbel, denn dank ihres geheimen Charakters konnte das garstige Kind, an der Hand des Vaters zum Schulbus trabend, seinem Geschwisterchen ungestraft zurufen: Papaplefap ahalefa ististlefist doofooflefoof.