Dort ist wie hier. Das letzte Mal sah alles schon genauso aus, und das nächste Mal wird es wieder so sein. Immer dieselben vier unsichtbaren, konzentrischen Kreise. In der Mitte, Signalfarbe Rot, die Regierungschefs, abgeschirmt durch einen Sicherheitskordon. Dann eine Tausendschaft von Diplomaten und Eurokraten - Signalfarbe Blau. Schließlich wir Journalisten, abgezählt. Und drum herum der vierte Kreis: der Alltag, das normale Leben in einer europäischen Großstadt, die über ausreichend Betten für einen EU-Gipfel verfügt.

Diesmal also Nizza. An der C'te d'Azur tummeln sich die Schönen und Reichen.

Soignierte Pensionäre lustwandeln zwischen dem Grandhotel Negresco und der Promenade des Anglais. Im Rücken haben sie, malerisch, die Seealpen. Doch für den europäischen Wanderzirkus zählen nicht Kulissen, sondern Klimaanlagen, und als Tagungsort ähnelt Nizza Kopenhagen und Lissabon, verschwimmt Edinburgh mit Amsterdam. Überall die gleiche Atmosphäre: Ein Kloster ist ein Schloss ist ein Kasino ist ein Kongresszentrum. Eine Verhandlungswelt, so hermetisch, wie manche Bürger ja Brüssel überhaupt empfinden.

Dort ist wie hier und die straffe Tagesordnung stets identisch: Erste Arbeitssitzung am Vormittag. Familienfoto gegen 13 Uhr. Mittagessen der Mächtigen. Zweite Arbeitssitzung. Abendessen mit dunkler Krawatte, Kamingespräch - ganz intim, mit einer Hundertschaft Journalisten. Kurze Nacht, dritte Sitzung, schließlich die große Pressekonferenz, die wichtigste aller Konferenzen, wie irgendein Minister immer sagt.

Doch das Wichtigste bei EU-Gipfeln ist: warten. Es warten verärgerte Bürger auf den Straßen, dass sie endlich vorbeihuschen in ihren dunklen Limousinen und der Weg nach Hause wieder frei wird. Bis zur nächsten Sperre ... Und es warten die Journalisten im Pressezentrum.

Mal ist das eine Ausstellungshalle in anheimelndem Waschbeton

meist ein ewig weißes Turnierzeltdorf mit grasgrünem Kunststoffboden wie bei Formel-1-Rennen oder ATP-Turnieren. In der Mitte die Espressobar. Internationale Nachrichtensender flimmern über die TV-Bildschirme. Man arbeitet wie im Refektorium an endlos langen Tischen, auf denen gerade mal Platz ist für den Laptop, ein Telefon und einen Notizblock. Man kennt sich: Salut, Philippe, hi, Ian! Hast du schon gehört? Ob BSE wohl der großen EU-Reform die Schau stiehlt? So spekulieren und diskutieren auch in Nizza die gleichen Kollegen, die das gerade eben noch in Brüsseler Büros getan haben.