Wong Kar-Wai trägt eine Sonnenbrille und raucht. Im Hamburger Hotel Atlantic wird er einen Kurzfilm drehen - mit der neuesten Sony-Videokamera und den deutschen Schauspielern Fritzi Haberlandt und Gregor Törzs. Er sucht nach einem passenden Raum, er findet ihn auf dem Dach

es ist eine Abstellkammer. Er sieht ein Leuchtschild mit der Aufschrift Clubräume und weiß sofort: Hier soll die Szene spielen. Und so nennt Wong Kar-Wai später auch den Film. Ich weiß nicht, was das heißt, aber es schaut gut aus, sagt er, und die Qualmwolke seiner Zigarette steigt in das matte Licht. Da schallt es grantig aus einem Eck. Das Sicherheitspersonal: Sie dürfen hier nicht rauchen. Willkommen in Deutschland.

Eigentlich ist der Filmemacher hier, um einem Haufen von Journalisten etwas über seinen neuen Film In the Mood for Love zu erzählen. Wong Kar-Wai ist der Meister des Hongkong-Kinos, seit seinem Erstling As Tears go by (1988) gilt er in Europa als Kultfigur. Seine in den neunziger Jahren entstandenen Filme Chungking Express (1994) und Fallen Angels (1995) gehören heute zum festen Bestandteil der etablierten Filmavantgarde. In the Mood for Love, seit vergangener Woche im Kino, ist ein Zeitlupen-Melodrama. Es erzählt, wie sich im beengten Hongkong des Jahres 1962 zwei verheiratete, aber einsame Menschen begegnen. Wie sie herausfinden, dass ihre Ehepartner ein Verhältnis miteinander haben - und wie sie sich ineinander verlieben. Für sein Werk erhielt Wong Kar-Wai den nach dem Großmeister des Melodramas benannten Douglas-Sirk-Preis der Stadt Hamburg. Die Dreharbeiten für In the Mood for Love dauerten angeblich 17 Monate.

Für die ZEIT nimmt sich Wong Kar-Wai eine Stunde Zeit, um eine Liebesszene zu drehen: Ich inszeniere nun das, was in meinem Film nicht vorkommt. Eine Einstellung aus In the Mood for Love, die den Schneideraum nicht überlebt hat. Dabei hätte man sie doch so gerne gesehen, eine Liebesszene, bigger than life, von Wong Kar-Wai.

Auf dem Dachboden stehen die beiden Schauspieler etwas unsicher herum. Gregor Törzs hat seinen schönsten Gucci-Anzug mitgebracht, Fritzi Haberlandt trägt ein Tweedkostüm aus Saltand-Pepper-Stoff. Wong Kar-Wai gefällt das nicht. Er sagt: Zwei Pagenuniformen, bitte! Die PR-Dame des Hauses rennt los. Wong Kar-Wai zündet sich noch eine Zigarette an. Es ist schön dunkel und eng hier, wie in seinen Filmen. Clubräume sind nie hell beleuchtet. Liebesszenen auch nicht. Wong Kar-Wai verrückt Möbel, steckt Kabel um, stellt eine alte Stehlampe auf, bereitet so die Bühne vor. Er sagt den Schauspielern: Hier ist euer geheimer Ort. Ihr seid verliebt, begehrt euch, aber seid vergeben.

Ihr müsst der Leidenschaft widerstehen. Die Kamera wird sich nicht bewegen - das müsst ihr tun. Es wird eine Einstellung geben, in die ihr euch hinein- und aus der ihr euch herausbewegt. Ihr versucht es zu tun, und gleichzeitig wisst ihr, ihr dürft nicht. Diese Szene dauert so lange, bis sie das eine Wort sagt: Nein. Das heißt: It's over. Er verschwindet. Sie bricht zusammen und weint.

Törzs und Haberlandt probieren ihre Pagenuniformen und verwechseln sie in der Aufregung. Törzs versucht sich in eine viel zu kleine Hose zu quetschen, er sagt zu seiner Kollegin: Hey, hast du meine Hose an? Wir kennen uns doch noch gar nicht so lange! Dann üben sie Knutschen, heimlich, in einem unbeleuchteten Eck. Wong Kar-Wai probiert die Kamera und hat noch einen dramaturgischen Einfall: Ich möchte, dass ihr etwas mit den Knöpfen macht.