Bis Weihnachten sollen die schlimmsten Operationen schon wieder fast vergessen sein. Fünf, sechs Tage Krankenhaus, anschließend achtzehn Stunden mit der Fähre Color-Linie von Kiel zurück nach Oslo - das reicht für eine gemütliche Rückkehr unter den heimischen Tannenbaum in Norwegen. So kalkuliert derzeit die schleswig-holsteinische Landesregierung, die möglichst schnell möglichst viele schwer kranke Norweger in deutsche Krankenhäuser locken möchte. Ministerpräsidentin Heide Simonis wünscht sich die ersten Patienten noch in diesem Jahr.

Simonis hatte aufgehorcht, als der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg ankündigte, sein Land werde umgerechnet 240 Millionen Mark für Krankhausaufenthalte norwegischer Patienten im Ausland ausgeben. Mehrere tausend Norweger warten seit längerem vergeblich auf dringende Operationen, die Regierung will den Betroffenen helfen. Sofort bot Simonis die Dienste ihres Bundeslandes an: Bisher seien die Patienten meist nach England geflogen, dabei sei die Fahrt mit einer Fähre nach Kiel oder Lübeck für viele Kranke doch viel angenehmer.

Eifrige Referenten aus der Staatskanzlei trieben sogar schon Norwegisch sprechende Ärzte und Krankenschwestern an der Lübecker Universitätsklinik auf. "Und auf der Rücktour können die Patienten sogar noch zollfrei einkaufen", jubelt einer von Simonis' Mitarbeitern. "Für die Skandinavier mit ihren hohen Steuern ist das doch sicher attraktiv."

Der Überschwang in der Kieler Regierungszentrale hat einen einfachen Grund: Die Landesregierung hat das Gesundheitswesen als Markt der Zukunft entdeckt.

"Bisher haben wir den Gesundheitssektor eher als Kostenfaktor und damit als Last für die Gesellschaft angesehen", gibt Simonis zu, "das gilt ab sofort nicht mehr." Die Gesundheitswirtschaft sei der "wichtigste Wachstumsmarkt nach der Informationstechnologie".

Bei Wolfgang Clement, dem Landeschef aus Nordrhein-Westfalen, klingt das auch so. Er schwärmt neuerdings vom "Zukunftsmarkt" mit einem "noch weitgehend unausgeschöpften Potenzial an Arbeitsplätzen". Aus zahlreichen Kommunen sind ähnliche Aufrufe zu hören. Die Fünf Wirtschaftsweisen schlugen in ihrem jüngsten Jahresgutachten ungewohnte Töne an: "In einer alternden Wohlstandsgesellschaft sind steigende Ausgaben für Gesundheitsleistungen nicht grundsätzlich etwas Schlechtes", heißt es.

Zur laufenden Gesundheitsdebatte passen solche Szenarien nicht. Da ist einerseits von Praxispleiten und Krankenhausschließungen die Rede, von arbeitslosen Pflegerinnen und vom armen Hausarzt, der für seine Landpraxis in Sachsen keinen Nachfolger findet, weil sich das Geschäft in Zeiten knapper staatlicher Budgets kaum lohnt.