Richtig ist aber auch, dass viele Kliniken, Praxen oder Kurbetriebe durch neue Ideen und die Suche nach privaten Zusatzleistungen die Umstellung besser bewältigen, als das Geschrei der Lobbyisten zunächst vermuten lässt. Da buhlen norddeutsche Unikliniken um besagte norwegische Patienten, Kurhotels bieten Entspannungswochenenden für gestresste Manager an, und auch dem Durchschnittsklinikum hilft, dass die Grenzen zwischen Tourismus, Kosmetik und klassischer medizinischer Betreuung nicht mehr so streng sind.

Lange Zeit, erklärt Heinz Lohmann, Vorstandssprecher des Landesbetriebs Krankenhaus (LBK) in Hamburg, habe man das Thema privat finanzierter Zusatzleistungen im Krankenhaus "einfach ignoriert - obwohl doch da die Zukunft liegt". Inzwischen erzählt er gern von neuen Saunen und Masseuren, von Diätberatern und Naturheilkundlern, die in verschiedenen Krankenhäusern des LBK ihre Dienste für Kunden anbieten, die solche Leistungen privat finanzieren wollen.

Für die Zukunft stellt sich Lohmann Gesundheitszentren vor, in denen zum Beispiel Fitness-Programme für Ältere angeboten werden, die sich in normalen Sportstudios nicht wohl fühlen. "Alle unsere Häuser liegen sehr zentral", so Lohmann, "die wären für eine Laufkundschaft, die nach der Arbeit mal reinschaut, sicher attraktiv."

Lohmann hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2005 etwa ein Prozent seines 1,5-Milliarden-Etats durch privat finanzierte Dienstleistungen zu erwirtschaften. Das klingt bescheiden - und beruht auf Planungen innerhalb des bestehenden Systems, in denen die gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich für jedes Mitglied eine Vollversicherung bieten.

Liberal eingestellte Ökonomen versprechen sich mehr von einer größeren Vielfalt im System: einem einheitlichen, solidarisch finanzierten Grundleistungskatalog für alle - ergänzt durch Wahltarife, also zusätzliche Privatversicherungen für jedermann. Bislang hat der Einzelne, der gern etwas weniger für die nächste Urlaubsreise und mehr für eine bessere Arztbehandlung ausgeben möchte, nicht allzu viel Gestaltungsmöglichkeiten. "Je mehr Wahlfreiheiten es gibt, desto größer wird die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und damit auch der Beschäftigungseffekt sein", sagt Bert Rürup, Sozialexperte und einer der Fünf Wirtschaftsweisen. Bei SPD und Grünen galten Wahltarife allerdings lange als Einstieg in die Zweiklassenmedizin und waren daher tabu.

Doch seit einigen Wochen ist in die politische Debatte wieder Bewegung gekommen. Die Grünen stellten ein Grundsatzpapier mit Reformoptionen für die nächste Legislaturperiode vor - eine von mehreren Möglichkeiten: neue Wahltarife. Zwei Wochen später empfahlen die Wirtschaftsweisen ein ähnliches, allerdings ausgefeilteres Konzept.

Sogar im Kanzleramt hat der Abschied vom Einheitsangebot der Krankenkassen einen stillen Anhänger: Hans Martin Bury, Schröders junger Staatsminister.