denn - siehe oben - die aktive Sterbehilfe und die Beihilfe zum Selbstmord bleiben strafbar, jedenfalls auf dem Papier.

Mit anderen Worten: Ein längst begangener Tabubruch wurde prozessual erleichtert - und damit in einem höheren Maße als bisher legitimiert. Der ursprüngliche Tabubruch aber liegt im Bruch des hippokratischen Eides.

Von Hippokrates (460 bis circa 370 v. Chr.) stammt das Gelöbnis, an dem sich bis heute die Ärzte zu orientieren haben. In diesem Eid heißt es unter anderem: "Auch werde ich niemandem auf seine Bitte hin ein tödlich wirkendes Mittel geben, noch werde ich einen derartigen Rat erteilen." Mit anderen Worten: Selbst wenn zum Beispiel in Deutschland die Beihilfe zu einem selbstverantworteten Suizid straffrei bleibt - für einen Arzt jedenfalls bleibt sie stets verboten. Jederzeit und für jedermann verboten bleibt die "Tötung auf Verlangen" - also eine Tat, bei der nicht der des Lebens müde Mensch selbst, sondern ein anderer die Herrschaft über das Geschehen hat, also auch die "aktive Sterbehilfe".

Undenkbar wäre es, dass in Deutschland eine Tat straffrei bliebe, die sich am 22. April 1998 in Haarlem zutrug. Der 86-jährige Exsenator Edward Brongersma, seinem Alter entsprechend körperlich gesund, hatte die Lust am Leben verloren

ihm fehle es, so sein Bekunden, an "Qualität im Leben" und am "Sinn des Lebens". Der Arzt Philip Sutorius gab ihm - entgegen dem hippokratischen Eid - die tödliche Dosis

der Staatsanwalt forderte drei Monate auf Bewährung, das Gericht sprach ihn Anfang November frei.

Um zu diesem Freispruch zu gelangen, mussten sogar einige der ziemlich laxen Sorgfaltsbestimmungen des - alten wie neuen - niederländischen Rechts arg gedehnt werden. Der Patient, so heißt es darin, müsse einem "aussichtslosen und unerträglichen Leiden" ausgesetzt sein, und es dürfe in dieser Situation "keinen anderen Ausweg" geben. Dies anzunehmen war angesichts der konkreten Sachlage einigermaßen absurd und makaber. Freilich: Hätte der Patient selber Hand an sich gelegt und ihm jemand anderer als ein Arzt den Trank "nur" besorgt, wäre diese Beihilfe bei uns wahrscheinlich straffrei geblieben.