Die deutschen Ärzte - und mit ihnen Gesetzgebung, Rechtsprechung und der ethische Diskurs insgesamt - bleiben dagegen eindeutig: Hilfe beim Sterben ja - Hilfe zum Sterben nein. Also: keine "aktive" Sterbehilfe, sondern allenfalls eine "passive" Sterbehilfe - das heißt eine Sterbebegleitung und Leidensmilderung, die mit diesem Ziel eine unvermeidliche Verkürzung des Lebens durch hochwirksame Schmerzmittel billigend in Kauf nimmt.

Aber ist diese Lage wirklich so eindeutig, wie sie sich ausnimmt? Wenn der Patient in aussichtsloser Lage eine weitere Behandlung bei vollem Bewusstsein ablehnt, muss dieser Wille respektiert werden. Was aber, wenn der Patient zu dieser Selbstverfügung, etwa im Zustand des unwiederbringlich verlorenen Bewusstseins, nicht mehr imstande ist? Oder wenn er früher eine "Patientenverfügung" unterschrieben hat, in der er für einen solchen Fall vorab auf eine weitere Behandlung verzichtet hat? Dann muss der Arzt - in Konsultation mit allen an der Behandlung Beteiligten - diese Verfügung ernst nehmen, aber zugleich selbstverantwortlich interpretieren: War sie wirklich für diesen Fall gemeint? Könnte der Patient inzwischen seine Meinung geändert haben - was gerade in akuten Krankheitsfällen geschieht? In solchen Fällen mag man dann fragen, ob der Unterschied zwischen dem Töten durch aktives Tun und dem Sterbenlassen durch vorsätzliches Unterlassen wirklich so groß ist.

Freilich bleibt immer ein großer Unterschied zu beachten: der zwischen dem Nichteingreifen ins unmittelbar bevorstehende und nicht mehr aufzuhaltende Sterben - und dem vorsätzlichen Eingriff ins Leben. Und der zwischen einer in sich selber nur noch qualvollen Verlängerung des Leidens - und der wirksamen Linderung der Sterbequalen.

Was in einer solchen Situation wirklich barmherzig ist, können am Ende vielleicht wirklich die Juristen am schlechtesten entscheiden. Aber gewiss unbarmherzig ist es, wenn Juristen und Gesetzgeber sich einbilden, sie könnten für solche Fälle abstrakte Regeln und Freisprüche formulieren, in denen es dann unter anderem wie in den Niederlanden heißt: Der Arzt "hat die Lebensbeendigung medizinisch sorgfältig" durchzuführen. Auch wenn solche gesetzlichen "Strafausschließungsgründe" vorgeben, nur Ausnahmen zu regeln, so machen sie doch unvermeidlich Ausnahmen zur Regel. Und mit einer auch nur tendenziellen Relativierung des Regel-Ausnahme-Verhältnisses verändern sich sowohl das ethische Bewusstsein als auch die praktischen Erwartungen. Anstatt sich intensiv um eine verbesserte Palliativmedizin zu kümmern (und da bleibt in Deutschland noch vieles zu tun) oder um Hospize und eine humane Sterbebegleitung, lässt man dann die Sterbenden halt mit ihrem Tod allein.

Warum auch nicht, da doch immer mehr Menschen alt und älter und ohnedies zu alt werden ...

NB: Wenn in Deutschland die Regeln strikter sind und bleiben, dann hat dies auch mit historischen Erinnerungen zu tun. Verständlich, aber zu Unrecht. Die "Euthanasie"-Aktionen der Nazis hatten mit "Sterbehilfe" nichts, aber auch gar nichts zu tun

sie waren blanker Mord. Wir müssen unsere ethischen Normen schon selber finden - und verantworten.