die zeit: Darf die Europäische Union die Türkei aufnehmen?

Jacques Le Goff: Nein. Ich bin gegen diese Aufnahme. Allerdings nicht aus geografischen Gründen. Wer hätte im 19. Jahrhundert von "Europa" sprechen können, ohne die Kolonien, das überseeische Europa, mitzudenken? Man sollte also geografische Grenzen besser nicht zum Kriterium machen. Es mag Sie überraschen: Aber ich kann mir gut vorstellen, dass eines Tages Europa bis nach Nordafrika reicht. Ich sträube mich auch nicht gegen eine Mitgliedschaft der Türkei, weil es da historisch schlechte Erinnerungen gibt. Gestern waren die Türken zwar Konkurrenten. Aber die Geschichte ändert sich. Dem müssen wir Rechnung tragen. Ähnliches gilt für die Religion. Sicher ist Europa christlich geprägt. Aber mit Judentum und Islam verbanden es stets enge Beziehungen, und die waren keineswegs nur konfliktträchtig. Europa definiert sich nicht über religiöse Kriterien und wird mit einer wachsenden Zahl von Muslimen leben müssen und können. Außerdem: Das Christentum ist immer weniger europäisch. Die Abkehr vom Christentum ist nirgends so ausgeprägt wie hier in Europa. Aber die Türkei denkt national, ideologisch. Ihr fehlt es an Demokratie. Und solange die Türkei die Armenier nicht um Verzeihung gebeten hat, ist für mich eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union ausgeschlossen.

zeit: Damit definieren Sie Europa als Wertegemeinschaft ohne Grenzen ...

Le Goff: Entscheidend ist ein demokratisches Europa, das die Menschenrechte respektiert.

zeit: Da befinden Sie sich auf einer Linie mit den Regierungschefs der Union.

Diese machen genau Demokratie, Rechtsstaat, Marktwirtschaft zu Beitrittskriterien und wollen unter solchen Voraussetzungen auch die Türkei aufnehmen.

Le Goff: Wenn sich die Türkei so weit verändert hat, steht einem Beitritt nichts im Wege. Ich fürchte nur, dass unsere Politiker - und da besonders einige auf der Linken - gegenüber Ankara ein Auge zudrücken wollen. Beim Gipfeltreffen in Helsinki sind sie zu weit gegangen.