Der Gerichtsdiener ruft: "Zeuge Nummer 684, Abdul Majid Abdul Razkaz Abdul Salam Giaka." Der 684. ist der Starzeuge in einem Prozess, in dem es um einen der großen Massenmorde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht, den Absturz des Jumbojets Maid of the Seas der Pan American Airways. Das Flugzeug explodierte am 21. Dezember 1988 eine halbe Stunde nach dem Start in London Heathrow über der schottischen Kleinstadt Lockerbie. Alle 259 Passagiere kamen bei dem Anschlag um. Dazu weitere 11 Menschen, auf deren Häuser die auseinander brechende Maschine stürzte.

Hinter einer schusssicheren Glaswand, die den Gerichtssaal vom Zuschauerraum trennt, sitzen die beiden Angeklagten. Der 48-jährige Abdelbaset Ali Mohmed Al Megrahi strahlt würdevolle Ruhe aus. Der 44-jährige Al Amin Khalifa Fhimah macht den Eindruck, als befände sich nicht nur zwischen ihm und dem Zuschauerraum, sondern auch zwischen ihm und der ganzen Welt eine Scheibe.

Beide tragen libysche Tracht. Strammbäuchige Polizisten rahmen sie ein. Als die Angeklagten hereingeführt wurden, winkten sie ihren halbwüchsigen Kindern, ihren Frauen und Verwandten zu, die auf den linken Bankreihen im Zuschauerraum Platz genommen hatten.

Zwölf Jahre Ermittlungen, die auch während des Verfahrens noch nicht zu Ende sind, Hunderte von Zeugen, über 100 000 Beweisstücke - und trotzdem scheint die Wahrheit über das Verbrechen sich immer weiter zu verflüchtigen, je länger der Prozess dauert. Seit Mai wird bereits verhandelt. Über 100 Millionen Mark hat allein der Prozess bislang gekostet, für den in den Niederlanden eigens ein Gericht gebaut wurde. Kamp van Zeist ist ein 1994 aufgelassener Stützpunkt der amerikanischen Air Force. Bis an die Zähne bewaffnete Polizisten bewachen die Einfahrt. Jedes Auto wird in einem überdachten Stellplatz durchsucht. Jenseits des Parkplatzes eine unbezwingbare, oberhalb mit 13 Drähten elektrifizierte Mauer. Dahinter liegt das Gefängnis, ein ehemaliger Atombunker. Davor steht ein geländegängiger Einsatzwagen mit offenen Türen und laufendem Motor, als habe gerade jemand ausbrechen wollen. Das Manöver ist tägliche Routine. Ein Hundeführer lässt sein an der Leine zerrendes Tier Sprengstoff schnüffeln, damit es die Witterung nicht verliert.

Was früher die Turnhalle des Stützpunkts war, wurde in ein Medienzentrum mit 230 Arbeitsplätzen umgebaut. Die Verhandlung wird aus dem Gerichtssaal in Englisch und Arabisch auf Monitoren übertragen. Ein halbes Dutzend Agenturreporter sitzt verloren in der riesigen Halle. Ebenso verlassen eine zweistöckige TV-Bühne mit 16 halb offenen Räumen für Live-Übertragungen vor dem Gerichtsgebäude. Die Starkorrespondenten der CNN und ABC, der Murdoch- und Berlusconi-Kanäle lassen sich nicht blicken. Das Verfahren läuft fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit ab. Die einen meinen, es sei "zu technisch". Der Gerichtskorrespondent der BBC beklagte sich, ein von der Staatsanwaltschaft forciertes Geheimhaltungsklima mache eine ausgewogene Berichterstattung unmöglich.

Am Eingang des Gerichts steht in ehernen Lettern auf einer aus Sandstein gemauerten Wand High Court of Justiciary, ein Stück in die Niederlande verpflanztes Edinburgh. Der Prozess läuft in Holland nach schottischem Recht ab (siehe Neutraler Boden auf Seite 19). Ein weiteres Mal wird jeder Besucher durch eine Sicherheitsschleuse gelotst. Die Polizisten kennen die meisten Besucher. Die meisten Besucher kennen sich untereinander. Viele sind Angehörige der Opfer. Zwischen ihnen und den Familien der Angeklagten scheint schon fast eine herzliche Koexistenz zu herrschen. Von Feindseligkeit jedenfalls keine Spur.

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