Unter Harlem kann sich jeder etwas vorstellen, überall auf der Welt, erklärt der Poet und Kunstkritiker Christian Haye seine Entscheidung, an der 126. Straße von Manhattan neben einem Krisenzentrum für Alkoholiker eine internationale Galerie zu eröffnen.

Dass diese Vorstellungen sehr wenig mit der Realität zu tun haben mögen, ist Haye egal. Wichtig dagegen ist für ihn die interessante Geschichte dieser narbigen Region, die er Chelsea, dem binnen weniger Jahre vom Kulturbetrieb kolonialisierten Flecken, vorzieht. Sein Project, eine ehemalige Bar, hat er nach allen aktuellen Regeln der Galeristenwelt ausgestattet - mit makellos weißen Wänden und poliertem Zementfußboden. Dennoch wird es immer wieder als wohltätige Einrichtung missverstanden. In Chelsea oder SoHo würde mich niemand fragen, ob ich Gutes für die Nachbarschaft tue - hier wird es vorausgesetzt, meint Haye leicht gereizt.

Harlem ist widerspenstiger und für viele New Yorker Sammler, Kritiker und selbst für das neugierigste Publikum noch immer weiter entfernt als Kassel, Venedig oder Basel. Auch für die zahllosen Restaurants um die nur zehn Straßen weiter südlich gelegene Columbia University herum befindet sich Harlem außer Reichweite für take out-Lieferungen - laut Haye herrscht in Harlem kein Mangel an guter Kunst, das Essen aber empfindet er als gravierendes Problem. Missmutig stochert er in matten Salatblättern von McDonald's herum.

Wo die Messe als Musical gefeiert wird

Noch immer kursieren Städtpläne von New York, die an der 110. Straße abgeschnitten sind, so als löse sich die Metropolis abrupt am Nordende des Central Park ins Nichts auf. Dabei gehört das legendäre Viertel dem New Yorker Touristenbüro zufolge neben dem Village, mit dem es die Aura einer historischen Boheme teilt, zu den begehrtesten Attraktionen der Stadt: Bis zu 40 Busse parken sonntags vor der Abyssinian Baptist Church, wo die Messe trotz progressiver Predigten und einer von den blassen Gästen unbeirrten Gemeinde unweigerlich einem Broadway-Musical gleicht. Ähnlicher Popularität erfreut sich der Gospelbrunch bei Sylvia's - da genießen Europäer und Japaner cholesterinbefrachte-te Seelennahrung in jovialer Atmosphäre und heller Gesellschaft.

Harlems Nachtleben übt, auch rund 80 Jahre nachdem es als Nachtclub-Hauptstadt der Welt gefeiert wurde, mit seiner Hand voll exquisiter Jazzlokale einen magischen Sog auf New-York-Besucher aus: Harlem ist das halbe Herz der amerikanischen Kultur - die andere Hälfte pocht sentimental und optimistisch in Hollywood. Harlems Puls begann im Jazz-Age zu schlagen und später unter dem Adrenalinschub von Armut, Gewalt, Rassismus und Drogen riskant zu flattern. Dem Mythos hat das nicht geschadet, im Gegenteil.

Es gibt eine Art negativer Nostalgie, die Harlem als das gefährlichste Ghetto der Welt erinnert, behauptet Christian Haye, der emphatische Befürworter des neuen Wirtschaftswunders, das der 125. Straße nach 30 Jahren zum ersten Mal wieder einen richtigen Supermarkt sowie Filialen nationaler Ketten wie Old Navy, einen Disney Store, The Gap und endlich auch eine Bank bescherte.