Bis zum 1. Dezember 2000 war Richter Juan Guzmán Tapia allein durch sein Aufführverbot für Martin Scorseses Film Die letzte Versuchung Christi aufgefallen. An jenem Tag aber unterzeichnete er den Haftbefehl gegen den ehemaligen Diktator General Augusto Pinochet. Guzmán hatte Geschichte geschrieben.

Fünf Tage alt wurde dieses Kapitel chilenischer Geschichte. Dann setzte das Appellationsgericht den Haftbefehl bis auf weiteres aus. Der Ausgang des Verfahrens ist ungewiss, aber die Bedeutung des Haftbefehles mindert das nicht. Immerhin, General Augusto Pinochet war 17 Jahre lang unumschränkter Herrscher Chiles und viele weitere Jahre die bestimmende Figur des Landes.

"In Chile bewegt sich kein Blatt ohne mein Wissen", hatte er einmal gesagt.

Und das war nicht übertrieben. Richter Guzmán ist der Meinung, dass Pinochet auch von jener "Todeskarawane" gewusst haben muss, die 1973, unmittelbar nach dem Militärputsch, die Gefängnisse des Landes besuchte, systematisch politische Häftlinge aussortierte und hinrichtete. 56 Menschen starben auf diese Weise. Richter Guzmán hält Pinochet für den "geistigen Autor" dieses Verbrechens.

Die Anklage und der Haftbefehl sind der jüngste Höhepunkt eines scheinbar endlosen Prozesses des Normalisierung, sagen wir: der Guzmánisierung Chiles.

Pinochet galt als unantastbar, bis er 1998 in London auf Ersuchen des spanischen Richters Baltasar Garzón festgenommen wurde. Die britischen Behörden ließen ihn zwar aufgrund eines ärztlichen Attestes wieder frei. Aber Pinochet kam in ein Land zurück, das die Angst vor ihm verloren hatte. Er war plötzlich verwundbar.

Das ist die psychologische Wendung der Geschichte, und sie mag die Angehörigen der Opfer ermuntert haben, deren Verfolger nun juristisch vor Gericht zu verfolgen: Gegen Pinochet liegen derzeit mehr als 170 Strafanzeigen vor. Aber wichtiger noch war die politische Emanzipation des Landes von seinem Diktator.