Geschichte ist Selbstfindung. Selbstfindung ist eine neue englische Leidenschaft. Bücher, die dabei behilflich sind, erreichen phänomenale Auflagen, seien es die Betrachtungen eines Starmoderators der BBC über The English, seien es die ziemlich frivolen Beobachtungen auf einer kleinen Insel des Amerikaners Bill Bryson oder sei es ein 1200 Seiten starker, von einem hoch angesehenen Geschichtswissenschaftler verfasster Wälzer. Norman Davies, emeritierter Professor der London University, ist Mitglied der British Academy und der Royal Historical Society. Seinen vor knapp einem Jahr erschienenen Folianten The Isles, A History gibt es jetzt im Verlag Macmillan als Taschenbuch.

Die Engländer leiden darunter, dass ihre Inselnachbarn zu sich selbst gefunden haben. Irland ist unabhängig und boomt. Waliser und Schotten haben eigene Parlamente und tragen wie Zeloten ihr nationales, anti-englisches Selbstbewusstsein zur Schau. Eine schottische "MacMafia" gibt in der britischen Regierung und zunehmend in Londoner Medien den Ton an. Da will sich vor allem das linksliberale englische Establishment nicht lumpen lassen und sucht nach einer eigenen, postkolonialen Identität. Davies' Buch trägt dazu fabelhaft bei. Er nimmt die alten, im kollektiven Bewusstsein und Unterbewusstsein verwurzelten Mythen englischer Überlegenheit auseinander, er seziert sie und zerstört sie mit scharfem Intellekt. "Ein subversives Werk", schreibt Martin Kettle, Amerikakorrespondent des Londoner Guardian, in einer Besprechung für die Washington Post. "Aber es unterminiert etwas, das seit langem umgestürzt werden musste - die Geschichte unserer Nation, wie sie englischen Kindern seit Generationen beigebracht wird."

Dieser Geschichtsunterricht beginnt unweigerlich mit der Zivilisierung der keltischen Ureinwohner durch die Römer, nimmt mit der Invasion der Angeln und Sachsen ihren Fortgang und findet in den ruhmreichen Dynastien der Plantagenets und der Tudors ihre ersten großen Höhepunkte. Dann die glorreiche Revolution der Whigs, die industrielle Revolution und das Empire.

Schließlich der Sieg über die Nazis. Es ist eine englische Geschichte, in der Iren, Schotten und Waliser nur am Rande vorkommen. Und wenn, dann als willige Erfüllungsgehilfen einer der großen zivilisatorischen Kräfte der Weltgeschichte. Einer Zivilisation, in der die parlamentarische Demokratie wie durch Osmose das monarchische System nach und nach ersetzt, ohne gewalttätige Aufwallungen wie auf dem Kontinent. Und in der seit der Magna Charta die Freiheit des Individuums das höchste Gut darstellt.

Bewegend, oft leichtsinnig, enorm stimulierend

Die Demontage des nationalen Mythos lässt nichts unangetastet. Davies stellt das England des Mittelalters als Annex der französischen Geschichte dar. Die berühmte Magna Charta gewinnt ihre Bedeutung erst in ihrer patriotischen Überhöhung durch die teleologischen Darstellungen späterer Verfassungsrechtler. Die "Verenglischung" der Inseln beginnt ihm zufolge mit der Reformation. Bei dem Bruch mit Rom ging es in England - anders als in Schottland - nicht um Ideologie. Heinrich VIII. verabscheute Luther aus tiefstem Herzen. Die Reformation sei vielmehr das Signal zu einem aufblühenden Nationalismus und zu Fremdenfeindlichkeit gewesen. "Sie schnitt England von der kulturellen und intellektuellen Gemeinschaft ab, zu der es fast ein Jahrtausend gehört hatte, und zwang das Land, sich in Isolation weiter zu entwickeln." Die Engländer machten aus der Not eine Tugend. "Hier liegen die Wurzeln für ihren stolz gepflegten Isolationismus und ihre exzentrischen Neigungen."

Das Buch ist ein faszinierender Durchmarsch von den prähistorischen "Mitternachtsinseln" bis zur Debatte um den Euro und metrische Maße. Das letzte mit ähnlichem Gusto verfasste Werk zum gleichen Thema war Winston Churchills History of the English-Speaking Peoples - freilich ein Buch aus völlig anderer Perspektive. Churchill war der letzte große Prophet und Schöpfer nationaler Mythen. Davies gesteht den "Inseln" nicht einmal das Attribut "britisch" zu und schon gar nicht die Gleichsetzung von "britisch" mit "englisch".