Spielfilme und Dokus über Helden mit Handicap sind zu einem Genre für sich geworden. Das Publikum mag sie, denn die Ausnahmen: die Kranken, die Behinderten, die Verrückten, sie erhellen, indem sie von ihr abweichen, die Eigenart der Regel. Und immer wieder ist der lange Weg zum Sieg über das Leiden, die Wunde, das Gebrechen ein Erzählstoff von hohem Spannungsgrad. Die ganz schweren Fälle allerdings - sie waren höchstens was für distanzierte Berichte mit viel medizinischem Vokabular. Die Patienten verschwanden im diskreten Halbdunkel der Hoffnungslosigkeit.

Bis beherzte Ärzte und Angehörige auf die Idee kamen, auch solchen Kranken mehr zu bieten als elementare Versorgung. Man nennt es basale Stimulation, und es weckt Freude am Dasein. Erst recht für die, die scheinbar nichts mitkriegen, sich kaum bewegen können, aber leben. Der Film Denn die Seele kennt kein Koma von Paul Schwarz zeigt, dass die Regel-Strategien Kampf und Sieg oder Resignation nicht die einzigen Alternativen sind. Man kann den Kranken auch nehmen, wie er ist, und ihm geben, womit er etwas anfangen kann.

Lena liegt seit fünfzehn Jahren im Wachkoma. Ihre Hände sind spastisch verkrümmt, sie kann sich nicht bewegen, nicht sprechen, ist blind und zuckerkrank - Folgen einer Hirnhautentzündung, die sie als Kleinkind durchmachte. Sie wohnt in einem Internat, mit anderen ähnlich schwer und Behinderten zusammen - und das Lernziel dort heißt: Das Leben ist schön.

Draußen im Park lässt man die Schüler - hier heißt es nicht Patient - an Kräutern riechen, lässt sie Erde tasten und die Zartheit einer Blüte mit der Wange fühlen. Die Bewegungslosen werden massiert, gestreichelt, geschüttelt, mit Wasser besprüht und immer wieder angesprochen, und ihr Keuchen und Augenrollen, ihre erstaunte Entspannung zeigt ihre Freude daran. Sie kriegen auch vorgelesen. Lena ist Goethe-Fan. Der Zauberlehrling entfesselt ihre Mimik.

Paul Schwarz hat seine Kamera so klug aufgebaut und bewegt, dass man sie bald vergisst. Verwundert geht man an Lenas Seite in diese Schule und auch zu ihr nach Hause, wo die Eltern erzählen, wie alles kam. Dieses Nachdenken über die Gehandicapten hat eine neue Botschaft entwickelt - weil auch in die Realität der Behinderten neue Möglichkeiten eingezogen sind: Das Leben ist sinnlich.

Solange jemand Wasser, Erde, Wärme und Düfte fühlen und wahrnehmen kann, ist es auch schön.

Diese aufwändige Therapie kostet viel Geld. Auf die heimliche Frage der Gesunden: Lohnt sich denn das?, gibt es eine einfache Antwort: Jeder von uns könnte ein Unfall- oder Infektionsopfer sein wie diese Kranken. Ihnen die Blumen oder den Zauberlehrling nehmen hieße, sie zu töten.