Am 7. Dezember 1970 wurde der Warschauer Vertrag unterschrieben. Er enthielt die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Es war der schmerzhafteste Gang einer deutschen Bundesregierung. Hier, im Verhältnis zu Polen, zu den alten deutschen Provinzen, zu den Verbrechen im Krieg, zu den Vertreibungen ging es um weit mehr als um nüchternen politischen Verstand. Die Gefühle der Völker, die Kraft der humanen Moral, das Herz der Nachbarn standen auf dem Spiel.

Am selben 7. Dezember 1970 kniete der deutsche Bundeskanzler vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos. Mag einer dazu sagen, er selber hätte es nicht getan.

Aber hatte nicht jener Augenzeuge Recht, als er dort über Willy Brandt schrieb: "Dann kniet er, der das nicht nötig hat, für alle, die es nötig haben, aber nicht knien"? Es war ein unerhörter Vorgang, ein unvorstellbarer Augenblick.

Mit dem 7. Dezember 1970 überschritten Polen und Deutsche in ihrem Verhältnis zueinander eine tiefe Talsohle. Nahezu 200 Jahre lang war es abwärts gegangen. Drei Teilungen war unser östlicher Nachbar unterworfen worden. Er hatte seine politische Selbstständigkeit an Russland, Preußen und Österreich verloren. Doch auch ohne Staat gab diese stolze Nation ihre Identität niemals preis. Erst am Ende des Ersten Weltkrieges wurde Polen wieder ein selbstständiger Staat. Und darum vergingen nur zwanzig Jahre, bis Polen das erste Opfer der Angriffskriege wurde, die Hitler gegen fast alle deutschen Nachbarn vom Zaun brach. Wir jungen deutschen Soldaten wussten von Geschichte und Schicksal der Polen wenig bis nichts, als wir am 1. September 1939 die Grenze überschritten.

Am Ende des Krieges wurde Polen den Siegern zugerechnet. Aber was für ein Sieg war es? Kein anderes Land hatte im Verhältnis zu seiner Bevölkerung so viele Opfer durch Krieg und Besetzung und Holocaust zu beklagen. Mit seinen Grenzen wurde es nach Westen verschoben. Ungezählte Polen mussten ihre Heimat im Osten verlassen, um neue Wurzeln im Westen zu schlagen, dies nun aber in den alten deutschen Provinzen, aus denen die Deutschen vertrieben waren. Das dadurch erzeugte, unlösbar erscheinende Spannungsverhältnis zwischen Polen und Deutschland entsprach präzise der sowjetischen Absicht. Es sollte eine ständige Anlehnung Warschaus an das zutiefst misstrauische Moskau erzwingen, in dessen Hand nun die Herrschaft über Polen lag.

Kurz nach der Staatsgründung der DDR anerkannte die SED-Führung formell die neue polnische Westgrenze. Dies entsprach keineswegs der Stimmung unter den Bürgern der DDR, aber einem Wink aus der Sowjetunion. Zwischen Bonn und Warschau dagegen vergingen Jahrzehnte ohne nennenswerte amtliche Kontakte.

Und doch wuchs in der Gesellschaft selbst allmählich der Wille zur Überwindung der Feindschaft. Am Ende des II. Vatikanischen Konzils sagten die polnischen Bischöfe: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." Die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlichte 1965 ihre denkwürdige Ostdenkschrift, die sich als entscheidender Anstoß zur Überwindung der politischen Sprachlosigkeit erwies. Schritt für Schritt ging es einer Aussöhnung unter den Menschen entgegen. Die Regierung Brandt/Scheel ergriff die politische Initiative. Es galt, die unabänderlich gewordenen Folgen des Krieges nicht mehr infrage zu stellen. Unter Wahrung der Zukunftsperspektive der deutschen Einheit kam es, nach dem Moskauer Vertrag, zum historischen Warschauer Vertrag.