Seit einiger Zeit schon gehört es zum guten Ton, die EU schlecht zu machen - weit schlechter, als sie ist. Die Angelsachsen würden von Brüssel-Bashing reden. Solches Eindreschen jedoch ist dumm und krumm. Krumm, denn viele Kritiker sind unredlich an Misserfolgen weiden sie sich, weil sie der Europäischen Union keinen Erfolg gönnen. Dumm, denn die EU hat Grund zur Zuversicht - trotz ihrer Schwächen und gleichgültig, ob es nach dem Europäischen Rat von Nizza weiterer Treffen bedarf, um größere Reformen zu vereinbaren. Europa kommt voran, und endlich findet es zurück zum Selbstbewusstsein. Verstrichen ist die Zeit, da allein Amerika das Vorbild war.

Gesetzt den Fall, die Deutschen erlebten eine ähnliche Tragikomödie wie die Bürger der USA im langen Hin und Her zwischen George W. Bush und Al Gore.

Gesetzt den Fall, in der deutschen Justiz herrschte vergleichbares Gezerre.

Was dann? Amerika und die halbe Welt würden sofort die Vergangenheit heraufbeschwören, an Deutschland und seiner Demokratie zweifeln.

Umgekehrt sollten wir jetzt nicht die Vereinigten Staaten herabsetzen, auch wenn ihr 43. Präsident einen Makel hat. Aber wir Europäer haben ebenso wenig Anlass, zu Amerika aufzuschauen. Unterwürfigkeit und Verklärung sind gleichermaßen unangebracht wie Schadenfreude und Antiamerikanismus. Wie die Alte, hat die Neue Welt ihre Schwächen, sie sind deutlicher zu sehen als früher.

Es ist ein Zeichen der Zeit, dass sich das Ansehen der USA just in dem Augenblick und in dem Maße verringert, in dem ihre Wirtschaftskraft (etwas) nachlässt. Seit den achtziger Jahren, als Ronald Reagan ins Weiße Haus zog, priesen uns Topmanager und Hohepriester das amerikanische Modell, obwohl es noch materialistischer ist als unseres und für hiesige Verhältnisse recht brutal. Wo nun plötzlich dieses Modell an Grenzen stößt, weil sich Wirtschaftswachstum nicht dauerhaft auf Pump finanzieren lässt und der Niedergang der Politik - über Florida hinaus - sehr weit gediehen ist, werden viele Amerika-Ideologen stiller, so wie einst die Japan-Ideologen verstummten.

Auf der Weltbühne kommen und gehen die Wirtschaftsmodelle wie Schauspieler in einem Schwank: Auftritt, Abgang. Der Franzose Jean-Jacques Servan-Schreiber sah 1967 Die amerikanische Herausforderung, so sein berühmtes Buch. Darauf folgte die Blütezeit sozialer Marktwirtschaft, nunmehr war Deutschland oben, Amerika ganz unten. Später rückte Asien ins Licht. Man neigte zu und verneigte sich vor Japan Unternehmer predigten fernöstliche Sekundärtugenden, die allerdings den großen Schlamassel dort nicht verhindern konnten. So liegt das Mekka der Wirtschaft längst wieder im Westen, irgendwo zwischen Silicon Valley und Shareholder-Value.