Europas ethno-religiöse Trägodie beherrscht jetzt den Nahen Osten

Erst ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der völkischen Naziherrschaft haben wir Deutschen in unserem Staatsbürgerrecht den endgültigen Schlussstrich unter das 19. Jahrhundert und damit unter die rückwärts gewandte Staatsform gezogen, die die Abstammung zum Ausweis gemacht hatte: Ob du dazugehörst oder nicht, das entscheiden die Omas und Opas, die du nachweisen kannst - oder nicht. Wozu? Zum demokratischen Staat der freien und gleichen Bürger, den es in Deutschland seit 1949 gibt, den die Weimarer Republik versucht und den Hitler zerstört hatte.

Von diesem Grundprinzip musste Europa nach 1945 ausgehen, um nach den zwei europäischen Weltkriegen zur Union werden zu können. Dabei hat ihm das amerikanische Prinzip des Bürgerstaates, dabei hat ihm die amerikanische Tradition des Staatsbürgerbegriffs geholfen.

Anders, ganz anders im Nahen Osten. Der Bürgerstaat war dort bisher kein Thema. Jetzt muss er es werden, und wir Deutschen tragen dabei eine Mitverantwortung. Denn ohne uns wäre Israel nicht entstanden. Dass es ein halbes Jahrhundert lang kein Bürgerstaat geworden ist, hat etwas mit der Geschichte der Deutschen zu tun. Obwohl Israel durch sein Staatsbürgerrecht diesen Weg sehr viel leichter gehen könnte als seine Nachbarstaaten. Durch sein modernes Recht, aber nicht durch seine Geschichte, an der wir auf so furchtbare Weise beteiligt sind. Die Gewaltszenen der letzten Wochen, Lynchen junger jüdischer Israelis in Uniform, Anzünden von Häusern muslimischer Israelis in Jerusalem und Trauer und Wut jüdischer wie islamischer Israelis über den Gewaltbrand im ganzen Land, haben schlagartig die Szene verändert: Israelische Bürger im Norden Israels greifen andere Bürger ihres Staates an.

Wir Europäer sind durch einen Rücksturz in den völkischen Hass schon vor elf Jahren alarmiert und wachgerüttelt worden. Jetzt wurde in Belgrad ein Funktionär aus dem Amt gejagt, der Europa über ein Jahrzehnt mit völkischer Propaganda in Unruhe versetzt hat, der im ehemaligen Jugoslawien zusammen mit ähnlich Gesinnten drei völkisch motivierte Kriege und Tausende von Toten zu verantworten hat. Milosevic hat jeden Gedanken an den Bürgerstaat mit zynischer Propaganda ad absurdum geführt. Wie in Kroatien der frühere Präsident Tudjman, dessen demokratisch gewählter Nachfolger jetzt mit Erfolg den Bürgerstaat in das Zentrum der neuen Politik gerückt hat.

Die große Hoffnung der Europäer, die jetzt nach Belgrad blicken: Schluss mit dem völkischen Hass, Neuöffnung der Chance für den modernen, nichtvölkischen Bürgerstaat. Denn Europa kann Staaten mit völkischer Bürgerdefinition im modernen 21. Jahrhundert nicht dulden, weil die innere Zivilität seiner Staatengemeinschaft dies auf Dauer nicht aushalten könnte. Mehr Bürger muslimischen Glaubens leben heute in Paris oder Hamburg als in vielen mittelgroßen Städten des ehemaligen Jugoslawien.

Die Freunde Israels fragen aus guten Gründen nicht nach dem Bürgerstaat. Die Freunde der Palästinenser auch eher nicht. Seit einem halben Jahrhundert vermeiden wir bei den Konflikten im Nahen Osten diese Frage. Bei allen Friedenstreffen der vergangenen Jahrzehnte - von Camp David bis Oslo - war das innere Gefüge des Bürgerstaates keine Frage. Es ging zu Recht um die Lebensgarantie der jüdischen Bürger, und es ging um die Zukunft der Palästinenser. Der moderne Bürgerstaat war das Geburtstabu des Staates Israel. Wenn dieses Tabu nicht aufgebrochen wird, gibt es für das 21.

Jahrhundert in der Nahostregion keine Chance für Frieden.

Europas ethno-religiöse Trägodie beherrscht jetzt den Nahen Osten

Europas völkische Tragödie, die im 20. Jahrhundert von Deutschland ausgegangen war, brennt jetzt im Nahen Osten. Ihr Logo ist die Religion, ihr Dynamit ist der völkische Staat. Nach langem friedlichen Miteinander sind vor kurzem auch in Oberägypten koptische Ägypter von muslimischen Ägyptern angegriffen worden. Der ägyptischen Regierung scheint es gelungen, das Feuer auszutreten.

Eine Million Bürger Israels sind muslimische Glaubensbürger, die am Freitag in der Moschee beten im selben Staat mit Bürgern, die am Sabbat in die Synagoge gehen. Für viele jüdische Bürger Israels - auf der Straße, in den Behörden, bei den Wahlen - sind ihre islamischen Nachbarn Bürger anderer Art.

Seit Jahren mühen sich viele Intellektuelle, engagierte Leute an den Universitäten, vor allem im Norden, in Haifa, Konflikte zwischen Arabern und Juden abzubauen. Aber es ist auch ihnen nicht gelungen, das Konzept des Bürgerstaates zum zentralen Thema des Landes zu machen. Aus vielerlei Gründen.

Der Jerusalemer Publizist Moshe Zimmermann hat Recht: "Der Zionismus konnte das Problem des Antisemitismus nicht durch die Schaffung eines Judenstaates lösen." Die Gründe für das jetzt erkennbare Drama liegen weit tiefer als im Scheitern des Osloer Friedensprozesses. Für die Deutschen meiner Generation ist es bis heute kaum möglich, dies auszusprechen. Denn was Deutschland mitausgelöst hat, was nach Auschwitz die einzige Chance war, ist nun die größte Gefahr. Es geht ja zwischen Deutschland und Israel wirklich nicht um Geld, es ging und geht auch um die tragische Umstülpung der Geschichte. Die Flucht der wenigen Überlebenden aus Europa, aus den Lagern, und die gefährlichen Transporte nach Israel, die bewegende Erfolgsgeschichte dieses kleinen Staates, sie bargen den völkischen Keim, den Europa, den Deutschland in den Nahen Osten exportiert hat.

Ohne den Völkermord an den europäischen Juden, der von der 1933 völkisch begründeten Entbürgerung ausgegangen war, hätte die Staatsgründung Israels keine Chance gehabt. Ohne die Geschichte der europäischen Juden und die verzweifelten, immer neuen Versuche vieler moderner jüdischer Familien, im 19. und 20. Jahrhundert, sich in ihrer Heimat zu assimilieren (welch schreckliches Wort für den Wunsch, normal anerkannte Bürger zu werden), sich in den Ländern ihrer Geburt, in den Ländern ihrer Eltern und Großeltern in dem bürgerlichen Staat zu assimilieren. Ohne die Verzweiflung über den deutschen, den osteuropäischen Antisemitismus wäre der Staat Israel so nicht entstanden. Das gilt für fast alle aus Europa dorthin getriebenen Bürger.

Und umgekehrt stammen heute viele jüdische, vor allem jüngere, Bürger Israels aus islamisch geprägten Staaten, in denen ihr Leben als Minderheit keineswegs paradiesisch war, in denen es aber doch einen festen Kodex des zivilen Zusammenlebens unterschiedlicher Religionsgemeinschaften gab. (Es war in vielen wichtigen Momenten des 20. Jahrhunderts weit sicherer, Mitglied der jüdischen Gemeinde in Kairo oder in Casablanca zu sein als in einer Stadt Mittel- oder Osteuropas.)

Nur eine zivile Gesellschaft gibt dem Nahen Osten eine Chance

Europas ethno-religiöse Trägodie beherrscht jetzt den Nahen Osten

Israels Demokratie verfügt rechtlich über weit bessere Voraussetzungen, die Grundprinzipien des modernen Bürgerstaates im Nahen Osten zu verwirklichen, als seine Nachbarstaaten. Aber viele Israelis haben nie diese zentrale Herausforderung an das innere Gefüge ihres Staates als künftige Friedensaufgabe empfunden. Das gilt sowohl für den Friedens- wie auch für den Konfliktpartner Palästina: Viele Bürger des künftigen Palästinastaates sind Araber christlichen Glaubens, sie gehen sonntags in Kirchen, nicht freitags in die Moschee, aber auch bei ihnen ist der Bürgerstaat kein Thema.

Gibt es im Nahen Osten noch diese Chance für die beiden zivilen Gesellschaften im 21. Jahrhundert, die in Wahrheit miteinander in so enger Verbindung stehen? Die Krise der letzten Wochen lässt sich auf diese Frage konzentrieren. Denn es ist nicht nur die "Krieg-oder-Frieden-Krise" des Augenblicks. Es ist die fundamentale Herausforderung an den Staat Israel und an die Staatlichkeit Palästinas, ob sie bereit und in der Lage sind, sich ernsthaft dieser einen zentralen Aufgabe zu stellen: Hat der moderne Bürgerstaat eine Chance? Wie naiv gefragt, werden viele Nahostexperten jetzt sagen. Aber das völkische Staatsverständnis beherrscht vielleicht noch stärker die arabische Seite.

Die Zukunft speist sich nicht nur aus vergangenem Leid

Das markanteste und folgenreichste Beispiel: Die palästinensischen Vertriebenen aus Israel haben vor einem halben Jahrhundert nicht wirklich eine Chance gehabt, in andere Regionen des Nahen Ostens als voll akzeptierte Bürger umzusiedeln. Viele haben die Chance gesucht, wenige haben sie bekommen. Eine wirkliche Politik für die Vertriebenen, die nicht darauf setzte, sie als Rückeroberungspfand in den Lagern zu lassen, hat es nie gegeben. Eine völkische Form der Hoffnung auf Rückeroberung, die die Betroffenen seit nun mehr als drei Generationen zu Opfern macht und als Opfer missbraucht.

Die Gewaltzuspitzung der jüngsten Zeit, auch die Radikalität mancher Medien in der Region haben eine paradoxe Wirklichkeit entstehen lassen: Viele junge Menschen - islamisch oder jüdisch - hoffen auf den Weg in die Welt der elektronischen Globalisierung. In Israel arbeiten heute modernste Firmen der Soft- und Hardware. Auch junge Palästinenser mit guter Ausbildung streben in diese Moderne.

Den Verantwortlichen des Friedensprozesses ist es im vergangenen Jahrzehnt nicht gelungen, die zentralen Fragen der Region zu wichtigen politischen Aufgaben und damit auch zu Zielen und Hoffnungen der jungen Generation zu machen.

Was sind die wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen der Region im 21. Jahrhundert? Welche gemeinsamen Instrumente müssen angestrebt werden?

Europas ethno-religiöse Trägodie beherrscht jetzt den Nahen Osten

Wie stellen sich Israel und Palästina den Forderungen moderner Bürgerstaaten?

Also genau die Fragen, die Europa nach mörderischen rassistischen Konflikten in Bosnien-Herzegowina, in Serbien und im Kosovo an die Verantwortlichen stellt. Müssen sie nicht auch an die Verantwortlichen in Jerusalem gestellt werden, an die Israelis und an die Palästinenser?

Natürlich bleiben die Herausforderungen der religiösen Geschichte und der Religionswirklichkeit zentrale Probleme im Nahen Osten. Aber im 21.

Jahrhundert gefährdet diese Reduktion den zivilen Prozess, der auf Dauer sehr viel wichtiger ist als der immer wieder in Sackgassen mündende "Friedensprozess". Deshalb braucht der Nahe Osten dringend eine regionale Wirtschaftsgemeinschaft. Für die ökonomischen, die verkehrspolitischen, die ökologischen, auch die enormen arbeitsrechtlichen Fragen, die sich aus der tagtäglichen Wanderarbeiterschaft ergeben. Rasch müssen gemeinsame Institutionen entstehen, die sich diesen Fragen widmen. Sie müssten in Jerusalem angesiedelt werden. Jerusalem ist der zentrale Ort der Weltreligionen. Aber er wird nur dann wieder zu einem zivilen Friedensort, wenn Jerusalem daneben auch zu einem regionalen Brüssel wird, in dem die wichtigsten Fragen der Region gemeinsam gestellt und geregelt werden.

Vor Jahren schon hatte Shimon Peres auf die wichtigen vernachlässigten regionalen Aufgaben hingewiesen, die nur gemeinsam gelöst werden könnten. Die Rückkehr zum Friedensprozess ist unmittelbar wichtig, die Umkehr zu einem fundamentalen zivilen Neuanfang in der Region ist überlebenswichtig. Es wird Jahrzehnte dauern, mit vielen Rückschlägen. Aber auch wenn all das lange Zeit dauern wird - die jungen Menschen im Nahen Osten brauchen für das 21.

Jahrhundert die richtigen neuen Ziele. Die können auch sie nicht mehr allein aus dem Stolz und aus dem Leid der Vergangenheit finden. Wir Europäer, wir Deutschen müssen dabei helfen. Wir waren an dem Drama beteiligt.

Freimut Duve ist Beauftragter für Medienfreiheit bei der OSZE in Wien