Wie stellen sich Israel und Palästina den Forderungen moderner Bürgerstaaten?

Also genau die Fragen, die Europa nach mörderischen rassistischen Konflikten in Bosnien-Herzegowina, in Serbien und im Kosovo an die Verantwortlichen stellt. Müssen sie nicht auch an die Verantwortlichen in Jerusalem gestellt werden, an die Israelis und an die Palästinenser?

Natürlich bleiben die Herausforderungen der religiösen Geschichte und der Religionswirklichkeit zentrale Probleme im Nahen Osten. Aber im 21.

Jahrhundert gefährdet diese Reduktion den zivilen Prozess, der auf Dauer sehr viel wichtiger ist als der immer wieder in Sackgassen mündende "Friedensprozess". Deshalb braucht der Nahe Osten dringend eine regionale Wirtschaftsgemeinschaft. Für die ökonomischen, die verkehrspolitischen, die ökologischen, auch die enormen arbeitsrechtlichen Fragen, die sich aus der tagtäglichen Wanderarbeiterschaft ergeben. Rasch müssen gemeinsame Institutionen entstehen, die sich diesen Fragen widmen. Sie müssten in Jerusalem angesiedelt werden. Jerusalem ist der zentrale Ort der Weltreligionen. Aber er wird nur dann wieder zu einem zivilen Friedensort, wenn Jerusalem daneben auch zu einem regionalen Brüssel wird, in dem die wichtigsten Fragen der Region gemeinsam gestellt und geregelt werden.

Vor Jahren schon hatte Shimon Peres auf die wichtigen vernachlässigten regionalen Aufgaben hingewiesen, die nur gemeinsam gelöst werden könnten. Die Rückkehr zum Friedensprozess ist unmittelbar wichtig, die Umkehr zu einem fundamentalen zivilen Neuanfang in der Region ist überlebenswichtig. Es wird Jahrzehnte dauern, mit vielen Rückschlägen. Aber auch wenn all das lange Zeit dauern wird - die jungen Menschen im Nahen Osten brauchen für das 21.

Jahrhundert die richtigen neuen Ziele. Die können auch sie nicht mehr allein aus dem Stolz und aus dem Leid der Vergangenheit finden. Wir Europäer, wir Deutschen müssen dabei helfen. Wir waren an dem Drama beteiligt.

Freimut Duve ist Beauftragter für Medienfreiheit bei der OSZE in Wien